https://www.faz.net/-gwz-8aqj0

Botox : Mit Wurstgift gegen Falten

  • -Aktualisiert am

Ein durchschlagender Erfolg sieht anders aus

Anfang der Neunziger entdeckt, seit 2002 in den Vereinigten Staaten zugelassen: Von dem Schönheitsmittel aus der Spritze profitiert vor allem das irische Unternehmen Allergan mit dem Marktführer „Botox“, aber längst auch andere Produzenten des Lifestylemedikaments, etwa die deutsche Firma Merz. Die damit behandelten Gesichtsmuskeln verlieren ihren Tonus und lassen die darüber liegende Haut straffer erscheinen. Inwieweit das schöner ist, bleibt fragwürdig - wie der Effekt, den eine mehr oder minder gehemmte Mimik hat. Psychologische Studien legen jedenfalls nahe, dass die Glättung des Gesichts auch mit einer Verflachung von Emotionen und Empathie einhergeht.

Acetylcholin überträgt Nervensignale auf Muskeln. Aber nicht nur: Der Botenstoff leitet auch an Schweißdrüsen Reize weiter - und diese lassen sich mit Hilfe von Botulinustoxin ebenfalls abfangen. So gehört auch Kerners Vision von der Dämpfung überaktiver Drüsen heute zum klinischen Alltag, denn so können schwere Fälle von Hyperhidrose behandelt werden, wenn Patienten unter ihrer extremen Schweißabsonderung leiden. Dem potenten Gift werden allerdings noch ganz andere Wirkungen nachgesagt. Nach kosmetischen Injektionen wurde zufällig entdeckt, dass sich Kopfschmerzen und chronische Migräne offenbar durch Botox und entsprechende Präparate beeinflussen lassen.

Den zahlreichen Anekdoten über diese erfreuliche Nebenwirkung, deren neuronales Wirkprinzip noch nicht verstanden ist, ging eine 2010 in Headache publizierte Studie auf den Grund. Daran nahmen fast 1400 Patienten teil, die an chronischer Migräne litten, also mindestens an 15 Tagen im Monat. Das Ergebnis lässt sich als durchmischt beschreiben. Zwar nahm die Zahl der Kopfschmerztage um durchschnittlich 8,4 Tage ab, wenn den Patienten das Bakteriengift gespritzt wurde. Aber eine Placebo-Injektion erbrachte einen Rückgang um 6,6 Tage. Ein durchschlagender Erfolg sieht anders aus. Zumal nicht auszuschließen ist, dass die Probanden durchaus unterscheiden konnten, ob ihnen das echte Präparat oder Kochsalzlösung gespritzt wurde. Damit wäre die von aussagekräftigen Studien geforderte Verblindung des Patienten hinfällig.

Weniger als ein Gramm Botulinustoxin für die Jahresproduktion

Das alles sei jedoch in die Entscheidung zur 2011 erfolgten Zulassung des Verfahrens in Deutschland und 13 anderen EU-Staaten für die Behandlung der kleinen Untergruppe von Migränepatienten mit chronischer Verlaufsform eingegangen, sagt Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Wie Göbel betont sein Hamburger Kollege Arne May, der die Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf leitet, dass die Therapie in der Praxis bei einigen Patienten sehr gut, bei anderen aber kaum anschlage. Mit der Behandlung chronischer Migräne stehe man sonst mangels anderer Medikamente mit dem Rücken zur Wand.

Effektiv oder nicht - für Allergan eröffnete die in den Vereinigte Staaten und Großbritannien bereits 2010 erfolgte Zulassung von Botox bei chronischer Migräne jedenfalls ein neues Geschäftsfeld. Dieses beackert man in Deutschland im Zuge der „market creation“ mit einer nicht direkt werblichen und damit legalen Aufklärungskampagne unter dem Titel „Kopf frei fürs Leben!“. Der ganz traditionell mittels Bakterienkulturen gewonnene und im Präparat stark verdünnte Rohstoff geht der Firma dabei nicht so schnell zur Neige. 2011 reichte weniger als ein Gramm Botulinustoxin für die Jahresproduktion des Unternehmens, das damit 1,7 Milliarden Dollar umsetzte. Inzwischen sind es mehr als zwei Milliarden, die etwa zur Hälfte dem Wunsch entstammen, faltenfrei zu sein.

Weitere Themen

Zweierlei Urkatastrophe

FAZ Plus Artikel: Schoa und Nakba : Zweierlei Urkatastrophe

Wenn Palästinenser auf die Schoa angesprochen werden, bringen sie oft die Nakba zur Sprache, die Vertreibungen im Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels. Für einen israelischen Holocaustforscher und einen palästinensischen Politikwissenschaftler war das der Anstoß, ein Konzept des Dialogs über die nationalen Traumata zu entwickeln.

Topmeldungen

Pflegekräfte kümmern sich um einen Corona-Patienten. Doch in immer mehr Kliniken muss sich das Personal selbst krank melden.

F.A.Z. exklusiv : Krankenstand unter Klinikpersonal steigt rasant an

Wegen der Omikron-Welle fehlen den meisten Kliniken in Deutschland Krankenschwestern und Pflegekräfte. Der Krankenstand ist deutlich höher als zu der Jahreszeit üblich. Betten müssen frei bleiben – und das hat Folgen.