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Neuer Therapieansatz : Spezielle Plasmaspende soll Coronapatienten helfen

Blutproben werden untersucht und sind in der Zentrifuge aufgeteilt in Blutplasma (mitte), Blutserum (oben/gelb) und die schwereren roten Blutkoerperchen am Boden. Bild: Henning Bode

Bei der Suche nach Therapiemöglichkeiten, um den schweren Verlauf einer Corona-Infektion zu lindern, könnte Blutplasma eine große Rolle spielen. Doch die Behandlungsmethode hat einen großen Nachteil.

          3 Min.

          Derzeit laufen in Frankfurt erste Vorbereitungen, um möglichst bald mit der Gewinnung des speziellen Plasmas beginnen zu können, sagt Erhard Seifried, ärztlicher Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie. Doch noch gibt es mehrere Hürden. Die wohl größte: für eine solche Plasmaspende kommen nur Menschen infrage, die bereits eine Corona-Infektion überstanden haben und wieder sicher als genesen gelten. Und das, so sagt Seifried, seien in Deutschland derzeit noch nicht viele.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er klingt müde und euphorisiert zugleich. Die vergangenen Wochen, so sagt er, seien „unvorstellbar“ gewesen. „Es hat sich alles verändert.“ Seifried arbeitet derzeit 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Er muss gerade viel koordinieren und umorganisieren, um sicherzustellen, dass den Krankenhäusern auch in der Corona-Zeit, in der viele Blutspendetermine abgesagt worden sind, trotzdem ausreichend Blutkonserven zur Verfügung stehen. Gleichzeitig versucht er, gemeinsam mit Ärzten 15 weiterer Transfusionszentren in Deutschland, ein medizinisches Verfahren auf den Weg zu bringen, um schwerkranken Coronapatienten beim Kampf gegen die Krankheit helfen zu können.

          Die Theorie hinter dem Therapieansatz basiert auf einer einfachen Annahme: „In der Regel bildet ein immunstarker Mensch im Laufe einer Infektion Antikörper gegen das Virus“, sagt Seifried. Diese Antikörper gelte es nun aus dem Blutplasma von jenen Menschen herauszufiltern, die wieder von einer Corona-Infektion genesen sind. Das gewonnene Präparat soll infizierten Schwerstkranken verabreicht werden, in der Annahme, dass die fremden Antikörper zur Vernichtung des Virus beitragen und so einen Verbesserung des Gesundheitszustandes erzielt wird.

          15 Institute ziehen an einem Strang

          Das Verfahren ist laut Seifried schon bei der ersten SARS-Welle im Jahr 2003 zum Einsatz gekommen. Damals sei das sogenannte Konvaleszenzplasma in Frankfurt gewonnen und Patienten in Italien verabreicht worden. Ihr Zustand habe sich daraufhin verbessert. „Sie haben überlebt. Aber das sagt erst einmal gar nichts.“ Ob sich dieser Erfolg tatsächlich auf die Plasmagabe zurückführen lässt oder ob andere Parameter ebenfalls Einfluss genommen haben, sei im Nachhinein schwer zu beurteilen, sagt Seifried. „Es ist ein vielversprechender Behandlungsansatz. Bisher liegt aber wenig Erfahrung vor.“ Ähnliche Verfahren würden bisher auch bei der Ebola-Behandlung eingesetzt. Auch hier werden den Erkrankten die fremden Antikörper verabreicht. Das Prinzip ähnele dem einer Impfung, sagt Seifried.

          Derzeit laufen nach Angaben des Institutsleiters Anträge auf Förderung durch das Bundesgesundheitsministerium. Außerdem sei die Ethikkommission in die Pläne involviert. Auch das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, habe man zur wissenschaftlichen Beratung schon früh in die Pläne eingebunden. 15Transfusionmedizinische Institute hätten sich deutschlandweit bereit erklärt, an dem Konzept mitzuarbeiten, sagt Seifried. Und auch europaweit arbeite man an einer „konzentrierten Aktion“, um das Konzept länderübergreifend zu etablieren. Hinter dem Vorhaben stecke enormer finanzieller, aber auch organisatorischer Aufwand. Denn auch bei den Plasmapräparaten gelte es auf die Blutgruppenverträglichkeit von Spender und Empfänger zu achten. Das Wissen zur Herstellung eines solchen Präparats sei bekannt. „Wir stellen jeden Tag Plasma zur Behandlung her, etwa für Patienten mit Gerinnungsstörungen“, sagt Seifried. Der größte Unterschied zu diesem Standardprozess ist nach seiner Bewertung, dass der Spender jemand ist, der von Corona geheilt wurde.

          Unklar sei noch, ob jeder Genesene automatisch über eine ausreichende Zahl von Antikörpern im Blut verfüge, um daraus das Präparat gewinnen zu können. „Um funktionsfähige Plasmatherapeutika zur Verfügung stellen zu können, müssten die Antikörper im Blut gemessen werden“, sagt Seifried. „Die Verfügbarkeit der Präparate hängt zudem von der Spendebereitschaft der Freiwilligen ab.“ Derzeit steige zwar die Zahl derer, die als genesen gelten. Zwischen diesem Befund und der Plasmaspende müssen laut dem Leiter des Instituts noch einmal einige Wochen verstreichen. „Wir müssen zu einhundert Prozent sicher sein, dass der Spender nicht mehr das Virus in sich trägt.“ Und auch wenn das Präparat hergestellt sei, werde es noch einmal auf alle bekannten Viruserkrankungen untersucht.

          In den kommenden Tagen gehe es darum, alles für eine mögliche Umsetzung des Plans vorzubereiten. „Unabhängig davon, wie schnell die Fördergelder genehmigt werden, benötigen wir Zeit, bis die potentiellen Spender wirklich genesen sind.“ Noch sei nicht sicher, ob all die Bemühungen am Ende auch den gewünschten Behandlungserfolg erzielten. „Das Ergebnis ist offen, aber es steckt sehr viel Plausibilität dahinter.“

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