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Bluthochdruck : Noch ein deutsches Phlegma

  • -Aktualisiert am

Blutdruckmesser: Gute Ratschläge allein helfen gegen Hypertonie nicht Bild: dpa

In Deutschland wird Bluthochdruck nicht so behandelt wie es möglich wäre. Gute Ratschläge für eine gesündere Lebensweise reichen allein meist nicht aus.

          3 Min.

          Obgleich der Zusammenhang zwischen Blutdruck und Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzschwäche sowie Nierenversagen seit vielen Jahren bekannt ist, wird die Behandlung der Betroffenen nach wie vor sträflich vernachlässigt. Selbst jene Patienten erhalten vielfach keine sachgerechte Therapie, die bereits schwere arteriosklerotische Gefäßschäden aufweisen und daher in besonderem Maße von den Komplikationen der Hochdruckkrankheit, der Hypertonie, bedroht sind. Was dabei die Qualität der Behandlung angeht, scheint Deutschland im europäischen Vergleich einen der hintersten Ränge einzunehmen.

          Eine europäische Untersuchung, in die Patienten mit fortgeschrittener Verkalkung der Herzkranzarterien einbezogen worden sind ("Lancet", Bd. 357, S. 995), stellte den Deutschen unlängst ein schlechtes Zeugnis aus. Ein vergleichbares Ergebnis lieferte die Studie einer Arbeitsgruppe um David Pittrow vom Institut für Klinische Pharmakologie der Universität in Dresden. Die Forscher sind der Frage nachgegangen, wie Hypertonie-Patienten hierzulande behandelt werden. Rund 2000 Hausärzte und ihre Patienten - zusammen mehr als 43 000 Männer und Frauen - beteiligten sich an dem Projekt. Wie die Autoren kürzlich im "European Journal of Clinical Pharmacology" (Bd. 60, S. 135) berichtet haben, wiesen vierzig Prozent der Patienten zu hohe Werte auf. Mehr als drei Viertel der Betroffenen erhielten zwar blutdrucksenkende Mittel, sogenannte Antihypertensiva. Der Erfolg jedoch war offensichtlich dürftig.

          Nur gute Ratschläge

          Rund einem Fünftel der Hochdruckkranken hatten die Ärzte gar keine Medikamente verordnet oder lediglich den Rat erteilt, den erhöhten Gefäßwiderstand durch eine gesündere Lebensweise anzugehen. Ohne unterstützende Maßnahmen führen solche Empfehlungen bekanntlich aber nur selten zum Erfolg. Mehr Beachtung schenkten die Hausärzte der Hochdrucktherapie in der Regel erst, wenn der Betroffene bereits Komplikationen erlitten hatte.

          Wie die häufigste Hypertonieform genau entsteht, ist trotz intensiver Bemühungen der Wissenschaftler unzureichend geklärt. Zwar weiß man, daß bestimmte Risikofaktoren, etwa Übergewicht, der Ausbildung eines hohen Blutdrucks Vorschub leisten. Welche Mechanismen dabei im einzelnen ablaufen, läßt sich gleichwohl noch nicht mit Sicherheit sagen. Erhebliches Kopfzerbrechen bereitet den Forschern zudem seit langem die Frage, ob manche Hochdruckmittel nachhaltiger vor den Folgeschäden der Hypertonie schützen als andere. Viele Beobachtungen sprechen zwar für solche Unterschiede, doch stehen stichhaltige Belege bislang noch aus. Um diesen Nachweis erbringen zu können, müßte man den Blutdruck mit jedem der untersuchten Medikamente auf exakt dasselbe Niveau senken. Nur dann wäre es möglich, die vom Blutdruck unabhängigen Wirkungen der einzelnen Antihypertensiva zu beurteilen. In der Praxis gelingt das freilich nur selten.

          Vergleichsstudie „Value“

          Diese frustrierende Erfahrung mußten auch die Organisatoren einer umfassenden Therapiestudie machen, deren Ergebnisse jetzt in Paris auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie vorgestellt worden sind. An dem internationalen Projekt namens "Value" beteiligten sich mehr als 15.000 hochdruckkranke Männer und Frauen, die aufgrund zusätzlicher Erkrankungen ein besonders hohes Infarktrisiko aufwiesen. Während eines Zeitraums von rund vier Jahren erhielt eine Hälfte der Patienten den Angiotensin-Antagonisten Valsartan und die andere Hälfte den Kalziumantagonisten Amlodipin. Wie der Leiter des Projekts, Stevo Julius von der Abteilung für Herz-Kreislauf-Medizin der Universität in Ann Arbor/Michigan, in Paris berichtete, senkte Amlodipin den Blutdruck rascher und außerdem etwas stärker als Valsartan. Am weitesten auseinander lagen die Blutdruckwerte der beiden Kollektive in den ersten sechs Monaten. In diesem Zeitraum erlitten die mit Amlodipin behandelten Patienten auch vergleichsweise seltener Schlaganfälle, Herzinfarkte und tödliche Herzattacken als jene der anderen Gruppe. Danach verloren sie ihren therapeutischen Vorsprung allerdings wieder.

          Die Leute, das Valsartan eingenommen hatten, wurden andererseits seltener zuckerkrank. Diese Beobachtung ist insofern von Interesse, als eine Zuckerkrankheit das Risiko von Herzanfällen dramatisch erhöht. Welche Bedeutung ihr im klinischen Alltag zukommt, müssen weitere Studien klären.

          Hypertonie gut behandelbar

          Dank der großen Auswahl an Hochdruckmitteln kann man die meisten Patienten mit Hypertonie inzwischen gut behandeln. Daß dennoch so viele Betroffene zu hohe Werte aufweisen, liegt selten an einer "Therapieresistenz". Einen solchen Schluß legen auch die Daten der Value-Studie nahe. Vor Beginn der Untersuchung hatten mehr als neunzig Prozent der Teilnehmer Antihypertensiva eingenommen, doch war der Hochdruck nur bei rund zwanzig Prozent von ihnen unter Kontrolle. Während der Studie stieg dieser Anteil dann auf rund sechzig Prozent an, was Julius in erster Linie auf die ständige Motivierung der Patienten zurückführte. Offenbar wurden die Teilnehmer wiederholt dazu aufgefordert, ihre Behandlung nicht zu vernachlässigen - mit Erfolg. Die Mängel bei der Hochdrucktherapie lassen sich also nicht allein den Ärzten anlasten. Die Betroffenen selbst tragen hierzu ganz wesentlich bei. Viele nehmen die Tabletten einfach nicht konsequent genug ein.

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