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Bluthochdruck : Der Wert muss runter

  • -Aktualisiert am

Bei 190 hört der Spaß endgültig auf. Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass schon 140 mmHg ungesund sein könnten. Bild: dpa

Bei manchen Blutdruckpatienten helfen keine Pillen. Gezielte Stromstöße könnten eine Alternative sein. An der komplizierten Technik muss allerdings noch kräftig gefeilt werden.

          Dieser Patientin war anscheinend nicht zu helfen. Nach der Geburt des vierten Kindes stieg ihr Blutdruck schier unaufhaltsam. Da war Andrea M. gerade 37 Jahre alt. Mit 43 schluckte die schlanke, äußerlich gesund wirkende Frau bereits sieben verschiedene Tabletten am Tag und bewegte sich mit ihren Werten dennoch in den beängstigenden Höhen um 220 Millimeter auf der Quecksilberskala. Trotz „einiger heroischer, aber auch eigenartiger“ Behandlungsversuche sollte sich daran in den nächsten Jahren auch nichts ändern, beschrieb ihr Arzt im August 2013 in der Fachzeitschrift Hypertension den Fall. Neun weitere Medikamente, in Pillen- wie in Spritzenform, wurden an der Patientin ausprobiert. Ihr Blutplasma wurde gereinigt und in die Adern zurückgeschickt; in ihrer Verzweiflung entschloss sich die inzwischen 47-Jährige sogar, ihre Nierennerven veröden zu lassen. Alles ohne Erfolg. Fünf Jahre nach Beginn der Therapie war der Blutdruck sogar auf 250 bis 300 geklettert.

          Ein solcher Wert hätte Ärzten selbst Mitte des 20. Jahrhunderts einen Schrecken eingejagt. Damals kamen gerade die ersten Blutdruckmedikamente auf den Markt, und eine Therapie galt als gelungen, wenn der großzügig bestimmte Wert von 100 plus das Alter des Patienten erreicht war. Seither wurde die Grenze, die beim Blutdruck über krank und gesund entscheidet, kontinuierlich nach unten verschoben. Aktuell definieren die Leitlinien jeden Wert oberhalb von 140 als Hypertonie. Und selbst der könnte noch zu hoch angesetzt sein. Darauf deutet eine amerikanische Studie namens Sprint (Systolic Blood Pressure Intervention Trial) mit rund 9360 Teilnehmern über mehr als drei Jahre hin. Die Ergebnisse wurden vergangene Woche veröffentlicht. Zumindest für einen Teil der Patienten könnte demnach oberhalb von 120 mmHg bereits ein ungesunder Überdruck in den Arterien herrschen.

          Mit elektrischen Impulsen das Herz umschulen

          Allerdings scheitern Mediziner bei der Behandlung häufig schon an den geltenden Grenzwerten. Bei jedem vierten Patienten gelingt es, wie im Fall von Andrea M., trotz aller Versuche nicht, den Blutdruck wieder unter die Normwertgrenze zu drücken. Sollten in Folge der Sprint-Studie noch ehrgeizigere Ziele gelten - die deutsche Hochdruckliga hat bereits mit der Überarbeitung ihrer Fachgesellschafts-Leitlinie begonnen -, werde das in Zukunft bei noch mehr Menschen schwierig werden, prophezeit Vlado Perkovic, Direktor des australischen George Institute for Global Health, jetzt im „New England Journal of Medicine“: „Wir brauchen neue Initiativen, wir brauchen kombinierte Therapien, und wir brauchen ganz neue Behandlungsmethoden.“

          Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline glaubt zu wissen, wo solche Ansätze zu finden sind. Mit einem 55-Millionen-Dollar-Programm versucht das Unternehmen, den sogenannten Electroceuticals neues Leben einzuhauchen. Statt mit Medikamenten will man mit elektrischen Impulsen dem Herz beibringen, das Blut weniger fest durch die Arterien zu pressen, und gleichzeitig die Arterien anweisen, sich zu weiten und mehr Blut fließen zu lassen. Beide Maßnahmen können den Druck in den Gefäßen senken. Das Forschungsprogramm reicht über das Krankheitsbild der Hypertonie hinaus. Auch Übergewicht, Atemwegserkrankungen und sogar Rheuma könnten sich mit Hilfe von derartigen Stromsignalen bekämpfen lassen, spekulierte der Leiter des Programms, Kristoffer Famm, 2013 in „Nature“. „Elektrische Impulse“, so schrieb er, „sind die Sprache des Körpers.“ Diese Sprache gelte es nun zu lernen, um den kranken Organen und Zellen ganz gezielt und mit weniger Nebenwirkungen als bisher mitzuteilen, was sie zu tun hätten. Bisherige Therapien fluten stattdessen meist den gesamten Organismus mit Medikamenten. Die amerikanischen National Institutes of Health haben sich mit dem Sparc-Programm bereits dazu entschlossen, die Forschung an Electroceuticals mit 250 Millionen Dollar zu unterstützen. Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten startete ebenfalls eine 80 Millionen Dollar schwere Initiative.

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