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Bei Blutspenden : Wie sich die Blutgruppe noch nachträglich verändern lässt

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Das klingt vielversprechend. „Aber ein Mangel an Blut der Gruppe Null ist sicher nicht das größte Problem, mit dem die Tranfusionsmedizin kämpft. Fast die Hälfte der Spender in Mitteleuropa hat die Blutgruppe Null, so dass ein akuter Mangel an Erythrozytenkonzentraten dieser Gruppe eher selten ist“, meint Markus Böck, Direktor der Klinik für Transfusionsmedizin und Hämotherapie am Universitätsklinikum Würzburg. Interessant sei das Verfahren vor allem für den Spezialfall einer Umwandlung von Rhesus-negativem Blut. Dieser zweitwichtigste Blutgruppenfaktor hängt von einem Protein an der Oberfläche der Blutkörperchen ab, er ist entweder vorhanden (Rhesus-positiv) oder fehlt (Rhesus-negativ). Weil Rhesus-negative Menschen gefährliche Abwehrreaktionen auf Rhesus-positives Blut entwickeln können, gilt nur Spenderblut mit der Merkmalskombination 0-Rhesus-negativ als halbwegs universell einsetzbar. Weil aber nur sechs Prozent aller Deutschen 0-Rhesus-negativ sind, könnte das neue Umwandlungsverfahren durchaus Abhilfe für ein reales Problem bieten, denn es würde den Pool möglicher Spender um weitere sechs Prozent der Bevölkerung – den Anteil mit Blutgruppe A-Rhesus-negativ – verdoppeln.

Aber selbst Udo Lindenbergs Blutgruppe ist in Sachen Verträglichkeit nicht optimal. Neben AB0 und Rhesus gibt es noch eine lange Reihe weiterer Blutgruppenantigene mit Namen wie Kell, Kidd oder Duffy, die zu Unverträglichkeiten führen können. Für Patienten, denen sogar Konserven der Gruppe 0-Rhesus-negativ gefährlich werden können, führen die meisten Blutspendedienste deshalb Register von Spendern mit seltenen Blutgruppenkombinationen und halten eingefrorene Blutkonserven vorrätig.

Ist Udo Lindenbergs Blut zu alt?

„Der ganz große Fortschritt wäre ein Universal-Erythrozytenkonzentrat, dessen Zellen keines dieser Antigene besitzen“, sagt Böck. Weil es keine Spender für solch ein wundersames Elixier gibt, führt der einzige denkbare Weg zu diesem heiligen Gral der Transfusionsmedizin über die Biotechnologie. Im Prinzip wäre es möglich, Blutstammzellen genetisch so umzuprogrammieren, dass sie keine unerwünschten Antigene produzieren, etwa mit Hilfe der vieldiskutierten Genschere Crispr/Cas9. „Bisher scheitert das in der Praxis daran, aus diesen Stammzellen dann im Labor mit realistischem Aufwand ausreichende Mengen funktionsfähiger Erythrozyten zu züchten“, sagt Torsten Tonn, der selbst an Blut aus der Retorte forscht. Tonn sieht in dem neuen Verfahren der kanadischen Gruppe deshalb einen Meilenstein. Trotz aller noch notwendigen klinischen Studien sei es bereits dicht an einer praktischen Anwendung.

Das große Problem der Transfusionsmedizin, an dem auch Enzyme wenig ändern können, ist ohnehin die mangelnde Bereitschaft, Blut zu spenden. In Deutschland werden nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes täglich rund 15000 Blutspenden benötigt. Ein Drittel der Bevölkerung komme von Alter und Vorerkrankungen her als Spender in Betracht, doch nur jeder zehnte davon spende auch wirklich Blut. Genug Blutspenden zu sammeln werde in Zukunft aufgrund des demographischen Wandels noch schwerer, klagt auch die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie aus Anlass des Weltblutspendetags am vergangenen Freitag. Denn mit dem Anteil älterer Menschen steige auch der Bedarf an Blutkonserven, während es gleichzeitig immer weniger potentielle Spender gebe. Dabei gibt es in Deutschland schon länger keine fixe Altersobergrenze für Blutspenden mehr. Im Prinzip könnte also auch Udo mit seinen 73 Jahren noch ein wenig von seinem seltenen Saft abgeben.

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