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Neue Grenzwerte : Amerika wird zur Nation der Hochdruckkranken

  • -Aktualisiert am

Gesundheitsrisiko Bluthochdruck Bild: dpa

Die Amerikaner definieren neu, wann ein Blutdruck zu hoch ist - und wollen damit stärker vor den Folgen schützen. Allerdings werden damit viel mehr Menschen zu Kranken gemacht. Das provoziert Widerspruch.

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          Kein Zweifel: Zu hohe Blutdruckwerte schaden dem Herzkreislaufsystem in erheblichem Maße. Denn die sogenannte Hypertonie fördert nachweislich die Entstehung etlicher Krankheiten, darunter Schlaganfälle, Herzinfarkte, eine Demenz und eine Nierenschwäche. Doch ab wann ist der Druck in den Gefäßen eigentlich zu hoch? Hier scheiden sich die Geister diesseits und jenseits des Atlantiks, jedenfalls seit Neuestem. Denn anlässlich der Jahrestagung der American Heart Association haben die kardiologischen Fachgesellschaften der Vereinigten Staaten verkündet, dass sie die einschlägigen Zielwerte nach unten korrigieren würden, und zwar deutlich. Demnach sollte man schon dann von einer Hypertonie sprechen, wenn der „obere“ - systolische - Wert mindestens 130 Millimeter auf der Quecksilbersäule (mmHG) beträgt und der „untere“ - diastolische - Wert wenigstens 80 mmHg. Bis dahin lagen die entsprechenden Obergrenzen weltweit bei 140 zu 90 mmHg.

          Mit der neuen Hypertonie-Leitlinie verwandeln sich die Vereinigten Staaten in eine Nation von Hochdruckkranken: Belief sich der Anteil an Betroffenen vormals auf ein knappes Drittel, steigt er nunmehr auf rund 46 Prozent an. Da zudem systolische Werte zwischen 120 und 129 laut der neuen Definition nicht mehr als normal gelten, sondern bereits als „erhöht“, gibt es in der amerikanischen Bevölkerung vermutlich kaum noch Personen, die blutdruckgesund sind. Was treibt die amerikanischen Kardiologen eigentlich zu diesem Schritt? Erklärungen hierfür finden sich in ihrem 157 Seiten umfassenden Manuskript, das zeitgleich mit der Presseerklärung auf der Jahrestagung im Fachjournal „Hypertension“ freigeschaltet wurde. Die Essenz des Werks lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen laut den Autoren nahe, dass eine Senkung des Blutdrucks unter 130 zu 80 mmHg das Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkte und andere Kreislauferkrankungen noch weiter verringert.

          Skepsis bei deutschen Fachleuten

          Skeptisch äußert sich hierzu Rainer Hambrecht, Chefarzt der Abteilung für Kardiologie und Angiologie am Herzzentrum Bremen. Wie der Kardiologe sagt, stützen sich die Autoren der neuen Leitlinie im Wesentlichen auf zwei Studien. „Insbesondere eine davon – und zwar ein Projekt mit dem Kürzel 'Sprint' – hat, gestützt auf artifizielle Blutdruckmessungen, zeigen können, dass auch alte Menschen von niedrigen Blutdruckwerten profitieren. Die Europäische Leitlinie ist da gemäßigter und vom praktischen Ansatz besser umsetzbar, “ erklärt der Kardiologe, der die Arbeitsgruppe Prävention von Herzkreislaufkrankheiten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie leitet. Worauf Hambrecht anspricht: Die Ergebnisse der Sprint-Studie lassen sich nur schwer mit jenen anderer Untersuchungen vergleichen, da ihr eine andere Messtechnik zugrunde liegt. So wurde der Blutdruck darin nicht vom Arzt oder einer Pflegekraft bestimmt, sondern vielmehr automatisch gemessen. Die Probanden befanden sich allein in einem Raum, während das Gerät auf Knopfdruck die Messungen ausführte. An dem Verfahren selbst gibt es zwar nichts auszusetzen, eher im Gegenteil. Denn da der „Weißkitteleffekt“, die blutdruckverändernde Anwesenheit des Arztes, dabei entfällt, liefert es vermutlich realistischere Werte als das gängige Vorgehen. Der Haken daran: Bei dem automatisierten Verfahren handelt es sich um ein Forschungs-Tool, das im Praxisalltag bisher keine Bedeutung hat. Dagegen basieren die bisherigen Therapieleitlinien auf Blutdruckwerten, die auf traditionelle Weise erhoben wurden.

          Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Hochdruckliga, kann dem Vorstoß der Amerikaner dennoch auch Positives abgewinnen. „Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass das Risiko für kardiovaskuläre (Herz und Kreislauf betreffende) Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung bereits ab Blutdruckwerten von 115 zu 75 mmHg, also schon im normalen Bereich beginnend, exponentiell ansteigt“, räumt der Direktor der  Medizinischen Klinik V der Universitätsmedizin Mannheim ein. „Eine Absenkung des Blutdruckgrenzwertes auf unter 130/80 mmHg, wie jetzt vorgeschlagen, würde die Betroffenen und die Ärzte für das bereits bei diesen Werten bestehende, mäßig erhöhte Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sensibilisieren und auf die Notwendigkeit von Lebensstiländerungen hinweisen.“ Gegen eine solche Maßnahme spricht laut Krämer andererseits, dass damit mehr Menschen zu Patienten gemacht würden und noch offen sei, ob die Mehrheit der Personen mit hochnormalem Blutdruck von einer medikamentösen Therapie profitiert.  

          Lässt die Hochdruckliga also alles beim Alten oder folgt sie dem amerikanischen Beispiel? Mit dieser Frage würden sich die Bluthochdruck-Fachgesellschaften in Deutschland und Europa in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen, sagt Krämer und fügt hinzu: „Persönlich gehe ich eher davon aus, dass man in Deutschland und Europa der (amerikanischen) Vorgehensweise nicht eins zu eins folgen wird.“
           

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