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Beethovens Krankenakte : „Meine Ohren, die sausen und brausen“

Als diese Lebendmaske im Jahr 1812 entstand, war Beethoven 42 und noch nicht völlig taub. Zehn Jahre zuvor hatte er sich körperlich so schlecht gefühlt, dass er sich mit Suizidgedanken trug. Bild: dpa

Ludwig van Beethoven plagte nicht nur sein schwindendes Gehör. Der große Komponist war auch sonst ein schwerkranker Mann.

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          O ihr Menschen die ihr mich für feindselig störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie Unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache ... bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen.“ Eigentlich sollte sich Ludwig van Beethoven in Heiligenstadt bei Wien im April 1802 erholen, als er diese Zeilen schrieb. Es ist der Anfang seines „Heiligenstädter Testaments“, das der 32-Jährige an seine Brüder adressierte, aber nie abschickte. Sein Arzt hatte ihm einen Aufenthalt auf dem Lande nahegelegt, doch trieb sein „heilloser Zustand“ ihn auch hier in die Verzweiflung: „Welche Demüthigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte.“

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beethovens Ertaubung ist nicht das einzige, aber das bekannteste seiner Gebrechen, die Mediziner und Historiker bis heute zu ergründen versuchen: Warum verlor er sein Gehör? Woher kamen die Unterleibsschmerzen? Litt er an der Syphilis, trieb ihn der Alkohol in den Tod? Besonders in diesem Jahr wird darüber wieder diskutiert, denn sein Tauftag, der 17. Dezember 1770 in Bonn, jährt sich zum 250. Mal. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, dafür weiß man über seine Krankengeschichte umso mehr. Aus zahlreichen Briefen an Freunde und Ärzte, zeitgenössischen Notizen, den Konversationsheften, mittels deren sich der taube Musiker am Ende unterhielt.

          Das Ertauben zog sich über zwei Jahrzehnte hin

          „Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort ... Die hohen Töne von Instrumenten, Singstimmen höre ich nicht; ... und doch sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich“, schreibt Beethoven im Juni 1801 in einem Brief an seinen Jugendfreund, den Arzt Franz Wegeler. Es gilt als erstes zeitgenössisches Zeugnis von Beethovens Gehörproblem und gibt schon erste medizinische Aufschlüsse: Das „Sausen“ würde man heute als Tinnitus bezeichnen, außerdem fällt eine beginnende Hochtonschwerhörigkeit auf, bei gleichzeitiger Lärmempfindlichkeit. Das spricht gegen einen Hörsturz oder eine Infektion, die das Gehör eher plötzlich betroffen hätte. Beethovens Taubheit begann offenbar im 27. Lebensjahr auf dem linken Ohr und schritt langsam voran. Nach einer Verschlechterung 1802 scheint sein Hörvermögen für zehn Jahre stagniert zu haben, von seinem 48. Lebensjahr an war er dann aber wohl völlig taub. Davon zeugen rund 400 Konversationshefte, in die seine Besucher ihre Fragen schrieben, 139 davon sind überliefert.

          Das berühmte Porträt des Komponisten von Karl Joseph Stieler (1781-1858)
          Das berühmte Porträt des Komponisten von Karl Joseph Stieler (1781-1858) : Bild: Picture-Alliance

          Aber warum verlor Ludwig van Beethoven sein Gehör? Verschiedene Diagnosen wurden hier schon vorgeschlagen, darunter Infektionskrankheiten wie Syphilis oder der Morbus Paget, bei dem die Knochen des Schädels verdicken. Favorisiert wurde lange die Otosklerose. Wenn Schall in einem gesunden Gehör auf das Trommelfell am Ende des Gehörgangs trifft, versetzt er im dahinterliegenden Mittelohr winzige Gehörknöchelchen in Schwingungen, die auf das Innenohr übertragen werden. Dort befindet sich die sogenannte Cochlea, die Gehörschnecke, in der die sogenannten Haarzellen elektrische Impulse auslösen und über den Hörnerv an das Gehirn weitergeben. Dieser Prozess dauert nur wenige Hundertstel Sekunden, das Ohr ist unser schnellstes Sinnesorgan und wohl auch das empfindlichste. Bei der Otosklerose sind nun jene Gehörknöchelchen betroffen. Sie versteifen sich durch neues Knochenmaterial. Heute lässt sich der Prozess mit einer Operation aufhalten, bei der ein Knöchelchen durch eine Prothese ersetzt wird. Allerdings tritt Otosklerose selten in beiden Ohren auf und führt nicht zwangsläufig zu völligem Gehörverlust. Was hatte Beethoven stattdessen?

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