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Beethovens Krankenakte : „Meine Ohren, die sausen und brausen“

Beim Komponieren war die Taubheit noch das kleinste Problem

Am Komponieren hat Beethoven auch der komplette Gehörverlust nicht gehindert. Einige seiner berühmtesten Werke – die Missa solemnis, seine späten Streichquartette und natürlich die neunte Symphonie – hat er selbst nie gehört. Für Musikwissenschaftler ist das keine große Überraschung: Beethoven verfügte über ein absolutes Gehör und konnte sich die Töne vorstellen. „Durch seine anderen Leiden war er in seiner Kompositionfähigkeit wohl viel häufiger eingeschränkt“, vermutet Bernhard Richter.

Das Genie war auch sonst ein kranker Mensch. Als Kind hatte er die Pocken, die sein Gesicht mit Narben überzogen haben, und er litt zeit seines Lebens unter Koliken und Durchfällen. Über sein unheilbares Unterleibsleiden klagte er in vielen Briefen. Heute würde man wohl von einem Reizdarmsyndrom sprechen. Auch quälten ihn eitrige Fingerentzündungen und Augenleiden. Und schon 1821 berichtete er von einer Gelbsucht, was auf eine Leberentzündung hindeutet. An einem Leberversagen ist Beethoven dann schließlich gestorben.

Der Alkohol gab ihm den Rest

Dafür sind punktförmige Einblutungen in der Haut typisch, sogenannte Petechien, mit denen sein Körper laut Obduktionsbericht übersät war. Darin wird seine Leber als verschrumpelt beschrieben und der Bauch als „ungemein wassersüchtig aufgetrieben“. Die Flüssigkeit, die sich, bedingt durch die Leberzirrhose, in seiner Bauchhöhle sammelte, wurde in den Tagen vor seinem Tod viermal abgelassen. Es waren jedes Mal mehr als zehn Liter. Beethovens Alkoholkonsum hat dafür sicherlich eine entscheidende Rolle gespielt. Zwar stammt er aus einer Familie von Trinkern, sein Vater war dafür bekannt, und seine Großmutter wurde wegen ihrer Trunksucht gar ins Kloster gesteckt. Beethoven selbst war aber wohl eher ein Genusstrinker als der schwere Alkoholiker, als der er heute manchmal hingestellt wird. Weinkonsum in Größenordnungen von einer Flasche pro Tag und mehr waren damals ohnehin üblich, Goethe etwa langte ähnlich zu.

Dem chronisch kranken Beethoven untersagten die Ärzte den Alkohol, doch war er keinesfalls ein folgsamer Patient. Noch wenige Wochen vor seinem Ableben schrieb er einen dringenden Brief nach Mainz: „Nun komme ich aber mit einer sehr bedeutenden Bitte. Mein Arzt verordnet mir, sehr guten alten Rheinwein zu trinken ... Wenn ich also eine kleine Anzahl Bouteillen erhielt ...“ Sicher hatte ihm sein Arzt keinen Wein verschrieben, vielmehr wusste dieser wohl um Beethovens unaufhaltsames Ende – und ließ ihn gewähren. Noch am Sterbebett fragten ihn Besucher per Konversationsheft, ob er auch genügend Wein habe. Heute hätte ihm theoretisch eine Lebertransplantation helfen können, die aber zugleich einen gewissen Verzicht auf Alkohol bedeuten würde. Aber es war nicht die Liebe zum Wein gewesen, der Beethoven trotz seiner stets üblen Gesundheit im Leben hielt. „Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben“, schreibt er im Heiligenstädter Testament, „nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so friste ich dieses elende Leben.“

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