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Beethovens Krankenakte : „Meine Ohren, die sausen und brausen“

Verschollene Schädelknochen

Am Universitätsklinikum seiner Heimatstadt Bonn wurde Mitte Oktober ein Symposion abgehalten, das sich dem Komponisten aus medizinischer Sicht näherte. In dem begleitenden Buch „Ludwig van Beethoven: der Gehörte und der Gehörlose“ schließen Mediziner aus allen Indizien auf eine fortschreitende Innenohrschwerhörigkeit als wahrscheinlichste Ursache für Beethovens Ertauben. Bei diesem Leiden fallen aus noch ungeklärten Gründen die Sinneszellen im Innenohr aus, und zwar beginnend mit denen, welche für hohe Töne zuständig sind. Dies würde zu Beethovens Schilderung passen, dass ihm als Erstes hohe Singstimmen abhandenkamen. „Eine endgültige Klarheit wird man nie erreichen“, sagt der HNO-Arzt Bernhard Richter, der das Freiburger Institut für Musikermedizin leitet und auch das Symposion in Bonn organisiert hat. Denn die entscheidenden Knochen des Schädels Beethovens, erklärt Richter, die sogenannten Felsenbeine, in denen sich die Gehörschnecke befindet, können leider nicht mehr untersucht werden.

Beethovens Hörrohr und eines seiner Manuskripte
Beethovens Hörrohr und eines seiner Manuskripte : Bild: Picture-Alliance

Beethoven wurde am Tag nach seinem Tod, dem 26. März 1827, obduziert und danach sogar zweimal aus dem Grab geholt und untersucht, zuletzt rund sechzig Jahre nach seinem Ableben. Zwar wusste man damals erst wenig über die Funktionsweise des Gehörs, doch schon der erste Sektionsarzt, Johann Wagner, interessierte sich für das Gehör des berühmten Musikers und hielt im Obduktionsbericht fest, die Blutgefäße seien besonders groß gewesen, die Schädelknochen außergewöhnlich dick und der Hörnerv verödet. Die Felsenbeine, also die das Ohrinnere umhüllenden Knochenpartien des Schädels, wurden ausgesägt „und mitgenommen“. Sie sind heute verschollen.

Nein, keine Hinweise auf Syphilis

Damals gab es allerdings kaum Untersuchungsmöglichkeiten. Heute können Pathologen, die sich etwa mit historischen Leichen beschäftigen, auf Präzisionsmikroskope und Computertomographen zurückgreifen. Im Labor ließen sich gegebenenfalls DNA-Reste von Bakterien wie Treponema pallidum ssp. pallidum nachweisen, dem Erreger der Syphilis. Diese zumeist sexuell übertragene Krankheit wurde vielen bekannten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts nachgesagt, doch finden sich bei Beethoven keine Hinweise darauf.

Dafür ist viel darüber bekannt, was der Komponist gegen sein Leiden unternahm. Er gab viel Geld für vermeintliche Therapien aus und zog von einem Arzt zum anderen. Auf ihr Geheiß trank er Tees, nahm lauwarme Donaubäder, stopfte sich Baumwolle mit Mandelöl oder Meerrettich ins Ohr, ließ sich hautreizende Pflaster aufkleben und schreckte selbst vor der „galvanischen Behandlung“ nicht zurück, bei der man ihm Drähte in die Ohren legte und mit Stromstößen malträtierte. Natürlich half das alles nichts, und so war Beethoven auf Hörrohre angewiesen, die ihm der berühmte Mechaniker und Erfinder des Metronoms Johann Nepomuk Mälzel fertigte: Metallene Tuben mit suppenkellenförmigen Aufsätzen. An seinem Flügel war ein Holzstab befestigt, den sich Beethoven zwischen die Zähne klemmte, um so zumindest die Vibrationen der Musik zu spüren.

Beethovens Brief an seinen Bruder Johann: 
„(Friede Friede) sey mit unß, Gott gebe nicht daß das natürlichste Band zwischen Brüdern wieder unnatürlich zerrissen werde, ohnehin dürfte mein Leben nicht mehr von langer Dauer sein (...), u. ohnehin bin ich durch meine jetzt schon 3 1/2 monathliche Kränklichkeit sehr, ja äußerst empfindlich und reizbar, (...)“;  um 1822
Beethovens Brief an seinen Bruder Johann: „(Friede Friede) sey mit unß, Gott gebe nicht daß das natürlichste Band zwischen Brüdern wieder unnatürlich zerrissen werde, ohnehin dürfte mein Leben nicht mehr von langer Dauer sein (...), u. ohnehin bin ich durch meine jetzt schon 3 1/2 monathliche Kränklichkeit sehr, ja äußerst empfindlich und reizbar, (...)“; um 1822 : Bild: Picture-Alliance

Dass Beethoven sich seiner Taubheit so schämte, lag nicht nur an seinem Beruf: Im 19. Jahrhundert galten Taube als dumm und lächerlich, so dass allerlei dezente Hörhilfen kursierten, bei Männern zum Beispiel als Gehstock getarnt, bei Damen als Fächer. Heute würde man Beethoven mit einem Cochlea-Implantat versorgen, einem Soundprozessor, der hinter dem Ohr getragen wird und akustische Signale auf eine unter die Haut implantierte Elektrik überträgt. Diese leitet die Signale direkt in die Gehörschnecke weiter und damit an den Hörnerv. Dem natürlichen Gehör kommt ein solches Implantat jedoch nicht gleich, an allen Feinheiten seiner Musik hätte sich Beethoven damit nicht erfreuen können.

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