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Ayurveda : Erbrechen, bis die Galle kommt

  • -Aktualisiert am

Gewürze sind noch der harmlosere Teil der Behandlung Bild: Imago

Ayurveda-Kuren gelten als Gipfel allen Wohlbefindens. Doch die westliche Romantisierung der indischen Medizin ist unangemessen. Ayurvedische Medikamente sollte man durchaus mit Vorsicht betrachten.

          6 Min.

          Ah, diese entspannenden Ölgüsse über die Stirn, diese sanft massierenden Hände mandeläugiger Schönheiten - wer Ayurveda hört, denkt erst mal an Wellnesskur, seltener an echte Medizin und auf alle Fälle an entschieden raffiniertere Behandlungsmethoden als Omas uralte Zwiebelschmalzwickel.

          In Wahrheit ist authentisches Ayurveda zu einem großen Teil Medikamentenmedizin. Welche der gut 8000 verwendeten Heilpflanzen, welche der unzähligen Mineralien, Erze, Metalle und tierischen Produkte tatsächlich zu ayurvedischen Rezepturen zusammengemischt werden, weiß im Westen kaum jemand. Der indische Staat will das bis zum nächsten Jahr ändern.

          Zweige vom Zahnbürstenbaum

          Nicht als Service für wißbegierige Patienten, sondern um die Schatzkiste traditionellen indischen Wissens vor Biopiraten zu schützen. Denn solange dieses Wissen nicht allgemein zugänglich ist, besteht immer die Gefahr, daß zu Unrecht Patente für längst bekannte Anwendungen und Wirkstoffe vergeben werden. Welcher Patentanwalt liest schon alte Sanskrit-Texte?

          Ein ayurvedischer Kochkurs lohnt sich genauso wie eine ganze Kur

          Erst im vergangenen Jahr erreichte Indien nach fünf Jahren Rechtsstreit vor dem Europäischen Patentamt, daß das Patent mit der Nummer EP0436257 für ein aus dem Neembaum gewonnenes Fungizid zurückgenommen wurde. Schon alte Texte beschreiben, daß die Blätter des Neembaums Pilze und Bakterien (damals als „Kleinstlebewesen“ umschrieben) abtöten können. Neem ist außerdem eine Art altindischer Zahnbürstenbaum, von dem man auch heute noch kleine Zweige zum Zähneschrubben abbricht.

          Anfechtbare Patente

          Eine Task Force der indischen Regierung identifizierte vor fünf Jahren allein in amerikanischen Patentdatenbanken über 350 weitere anfechtbare Patente. Solche Streitfälle sind jedoch immer langwierig und extrem teuer. Verhindern könnte sie vom nächsten Jahr an das 2001 begonnene Mammutprojekt „Traditional Knowledge Digital Library“. 35.000 überlieferte Doppelverse in Sanskrit und Hindi wurden in der ersten Phase des Projekts von Ayurveda-Ärzten ausgewertet und in ein neu entwickeltes Klassifikationssystem übertragen.

          Die Online-Enzyklopädie soll sich damit leicht durchsuchen lassen, und zwar unter anderem auch auf deutsch, englisch, französisch und japanisch. Dabei stellt Ayurveda, „das Wissen vom Leben“, nur einen Teil des eingespeisten Materials dar, denn in Indien herrscht ein erstaunlicher Medizinpluralismus. In die Datenbank kommen außerdem auch die persisch-arabische „Yunani“-Medizin, das tamilische „Siddha“-System, die Physiotherapie Yoga und die oft nur mündlich überlieferte Volksmedizin - quasi der indische Schmalzwickel.

          Sechs Jahre Ayurveda-Studium

          Wer in Indien krank wird, dem stehen also eine ganze Menge älterer einheimischer Heilsysteme und seit der Kolonialzeit auch die westliche Medizin zur Verfügung. Ob man sich als Patient einen westlich ausgebildeten Mediziner oder einen ayurvedischen Vaidya aussucht, hängt einerseits davon ab, wo man wohnt - in Indien auf dem Land sind die Dres. med. ziemlich selten.

          Andererseits spielt auch die Art der Erkrankung eine Rolle. Mit Beinbruch geht man besser zum Chirurgen, Arthritis ist eher ein Fall für den Ayurveda-Spezialisten. Der hat entweder eine traditionelle, oft familieninterne Lehrer-Schüler-Ausbildung genossen. Oder aber sechs Jahre an einem jener über zweihundert Colleges oder Universitäten für ayurvedische Medizin studiert, die staatliche Abschlüsse vergeben.

          Sanskrit-Texte als Studiengrundlage

          Mit dem im Westen holistisch wabernden, spirituell schillernden Massageliegen-Ayurveda hat dieses Studium wenig zu tun, selbst wenn die Trendwelle inzwischen sogar nach Osten schwappt und der Begriff New Age seit einigen Jahren auch in der urbanen indischen Mittelklasse angekommen ist.

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