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Schizophrenie : Ausdauersport hilft auch verwirrten Seelen

  • -Aktualisiert am

Moderater Ausdauersport steigert die Gedächtnisleistung der Betroffenen. Bild: dpa

Machtlos müssen viele Schizophrenie-Kranke ihr Leiden ertragen. Dabei gibt es ein probates Mittel: Wer Körper und Geist trainiert, kann schnell für Besserung sorgen.

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          Trotz einiger therapeutischer Fortschritte lässt sich Schizophrenie, ein psychisches Leiden mit oft starken genetischen Wurzeln, nach wie vor nicht zufriedenstellend behandeln. Die Antipsychotika wirken vornehmlich gegen die sogenannten Positivsymptome, etwa Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Weniger bis keinen Einfluss haben die Psychopharmaka hingegen auf die Negativsymptome, darunter Antriebslosigkeit, Depressivität und ein Abflachen der Emotionen. Das Gleiche gilt für die kognitiven und motorischen Defizite, die etwa in Gedächtnisschwäche, Sprachverarmung und einer starren Mimik zum Ausdruck kommen.

          Gerade die schlecht behandelbaren Krankheitsfolgen tragen aber maßgeblich dazu bei, dass Patienten mit Schizophrenie so große Mühe haben, im Alltag zurechtzukommen und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Zu den körperlichen und seelischen Leiden gesellt sich bei ihnen oft das Gefühl, von der Umwelt nicht verstanden zu werden – mit der Folge, dass sich die Betroffenen zurückziehen und vereinsamen.

          Um das enorme Leid der Patienten zu lindern, suchen Forscher in aller Welt seit Jahren nach weniger belastenden Therapien. Aussichtsreich scheint dabei eine Kombination von körperlichem und kognitivem Training zu sein. Auf diese Weise gelingt es offenbar, einige der anderweitig nicht oder unzureichend beherrschbaren Symptome zu lindern. Hierfür sprechen zumindest die kürzlich auf einem internationalen Medizinerkongress vorgestellten Ergebnisse einer Pilotstudie, die Keith Nuechterlein von der University of California in Los Angeles vorgenommen hat.

          Bessere Ergebnisse mit dem Sportprogramm

          Die Probanden des Projekts, insgesamt 32 durchschnittlich 23-jährige Männer und Frauen mit einmaligem Krankheitsschub, hatten alle ein sechsmonatiges Kognitions-Training absolviert. Bestehend aus computergestützten und „realen“ Denkübungen, diente dieses dazu, das Gedächtnis und wichtige Alltagsfertigkeiten zu schulen. So lernten die Betroffenen unter anderem, die Emotionen anderer Menschen richtig zu deuten, sich besser auszudrücken und ihren Alltag zu bewältigen.

          Eine Hälfte der Patienten war darüber hinaus angehalten worden, wöchentlich 150 Minuten lang Ausdauersport zu betreiben, die andere Hälfte nicht. Wie aus dem demnächst im Fachjournal „Schizophrenia Bulletin“ erscheinenden Bericht der Forscher hervorgeht, blieb die überwiegende Mehrheit der Patienten bis zum Ende des sechsmonatigen Pilotprojekts am Ball – ein Erfolg, der vermutlich der engmaschige Begleitung zu verdanken war. Das kognitive Training allein erwies sich dabei als nur mäßig wirksam. Sehr viel besser schnitt es in Verbindung mit dem Sportprogramm ab. Die Probanden dieses Kollektivs profitierten sogar erheblich, und zwar sowohl, was ihre sozialen, als auch, was ihre sprachlichen Fähigkeiten angeht. Zudem stieg der Gehalt eines wichtigen neuronalen Wachstumsfaktors, des Brain-Derived-Growth-Factors, kurz BDGF, in ihrem Blut um rund 35 Prozent an.

          Bei den Patienten der Vergleichsgruppe nahm der Blutspiegel von BDGF hingegen nicht zu. Dieses Signalmolekül, das beim Auswachsen neuer Nervenzellen im Gehirn, der Neurogenese, eine bedeutende Rolle spielt, entpuppte sich als ein früher Indikator für den Behandlungserfolg. Denn das kombinierte Training kam vornehmlich jenen Patienten zugute, bei denen die Konzentration von BDGF im Blut innerhalb von zwei Wochen merklich zunahm. Wie die Studienautoren mutmaßen, entfaltet kognitives Training offenbar nur dann die erhoffte Wirkung, wenn es mit Verfahren kombiniert wird, die das Nervenwachstum im Gehirn anregen.

          Moderater Ausdauersport steigert die Gedächtnisleistung

          Dass Sport hierzu in der Lage ist, legt eine wachsende Zahl von Erkenntnissen nahe. Zweifelsfrei belegt wurde dies bislang allerdings erst bei Tieren. Dennoch: Verfahren, die der Neurogenese Vorschub leisten, wären für Patienten mit Schizophrenie vermutlich von besonderem Nutzen. Denn das Gehirn vieler Betroffener verfügt über eine unzureichende Plastizität und besitzt somit nur bedingt die Fähigkeit, auf Umweltreize angemessen zu reagieren. Nuechterlein und seinen Kollegen sind freilich nicht die Ersten, die sich der Frage gewidmet haben, ob körperliche Aktivität die schwer behandelbaren Symptome von Patienten mit Schizophrenie zu bessern vermag.

          Schon vor einigen Jahren ist Wissenschaftlern um Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München aufgefallen, dass moderater Ausdauersport, regelmäßig vorgenommen, die Gedächtnisleistung der Betroffenen steigert. Im vergangenen Jahr konnten sie dann zeigen, dass kognitives Training in Verbindung mit Ausdauersport sehr viel mehr bringt als in Kombination mit Tischfußball - also einer Sportart, bei der es mehr auf Reaktionsgeschwindigkeit und Geschicklichkeit ankommt als auf einen langen Atem.

          Wie sie im „Schizophrenia Bulletin“ berichteten, gelang es den rund zwanzig Patienten, die außer den kognitiven Übungen wöchentlich 90 Minuten lang auf dem Ergometer trainiert hatten, am Ende der dreimonatigen Studie sehr viel besser als zuvor, soziale Kontakte zu knüpfen, sich auszudrücken und Alltagstätigkeiten wie Einkaufen zu erledigen.

          Besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

          Bei der anderen Gruppe stellten die Münchner Forscher keine oder höchstens minimale Änderungen zum Positiven fest. Wie Berend Malchow, Erstautor der Studie, erläutert, bedurfte es anfangs einiger Überzeugungsarbeit, um die Patienten zu dem Ausdauertraining zu motivieren. „Die wenigsten waren besonders angetan von der Vorstellung, in der Klinik und zu Hause mehrmals wöchentlich Sport zu treiben.“ Ihre anfängliche Skepsis habe sich allerdings schon bald darauf gelegt. „Eine wichtige Botschaft war für uns, dass auch Patienten mit Schizophrenie in der Lage sind, durchzuhalten. Das hatten zuvor viele bezweifelt.“

          Um sie bei der Stange zu halten, müsse man sich um die Patienten kümmern, sie anrufen und einen guten Kontakt zu ihnen aufbauen, räumt der Psychiater ein. Auch die Einbindung in eine Gruppe habe einen wichtigen Beitrag geleistet. Wie Malchow hinzufügt, haben Patienten mit Schizophrenie in der Regel eine geringere Grundkondition als gesunde Personen gleichen Alters. „Viele bewegen sich wenig, ernähren sich ungesund, und viele rauchen zudem.“ Hinzu komme, dass die Betroffenen aufgrund der Behandlung mit Antipsychotika oftmals stark zunehmen.

          „Patienten mit Schizophrenie tragen daher ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sterben infolgedessen meist 15 bis 20 Jahre früher als gesunde Gleichaltrige.“ Auch in dieser Hinsicht sei körperliche Aktivität für die Betroffenen daher von erheblichem Nutzen. In einer neuen Studie, an der mehrere Zentren in Deutschland mitwirken, wollen die Münchner Wissenschaftler das Verfahren nun bei einer sehr viel größeren Gruppe von Patienten testen.

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