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Schizophrenie : Ausdauersport hilft auch verwirrten Seelen

  • -Aktualisiert am

Moderater Ausdauersport steigert die Gedächtnisleistung

Dass Sport hierzu in der Lage ist, legt eine wachsende Zahl von Erkenntnissen nahe. Zweifelsfrei belegt wurde dies bislang allerdings erst bei Tieren. Dennoch: Verfahren, die der Neurogenese Vorschub leisten, wären für Patienten mit Schizophrenie vermutlich von besonderem Nutzen. Denn das Gehirn vieler Betroffener verfügt über eine unzureichende Plastizität und besitzt somit nur bedingt die Fähigkeit, auf Umweltreize angemessen zu reagieren. Nuechterlein und seinen Kollegen sind freilich nicht die Ersten, die sich der Frage gewidmet haben, ob körperliche Aktivität die schwer behandelbaren Symptome von Patienten mit Schizophrenie zu bessern vermag.

Schon vor einigen Jahren ist Wissenschaftlern um Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München aufgefallen, dass moderater Ausdauersport, regelmäßig vorgenommen, die Gedächtnisleistung der Betroffenen steigert. Im vergangenen Jahr konnten sie dann zeigen, dass kognitives Training in Verbindung mit Ausdauersport sehr viel mehr bringt als in Kombination mit Tischfußball - also einer Sportart, bei der es mehr auf Reaktionsgeschwindigkeit und Geschicklichkeit ankommt als auf einen langen Atem.

Wie sie im „Schizophrenia Bulletin“ berichteten, gelang es den rund zwanzig Patienten, die außer den kognitiven Übungen wöchentlich 90 Minuten lang auf dem Ergometer trainiert hatten, am Ende der dreimonatigen Studie sehr viel besser als zuvor, soziale Kontakte zu knüpfen, sich auszudrücken und Alltagstätigkeiten wie Einkaufen zu erledigen.

Besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Bei der anderen Gruppe stellten die Münchner Forscher keine oder höchstens minimale Änderungen zum Positiven fest. Wie Berend Malchow, Erstautor der Studie, erläutert, bedurfte es anfangs einiger Überzeugungsarbeit, um die Patienten zu dem Ausdauertraining zu motivieren. „Die wenigsten waren besonders angetan von der Vorstellung, in der Klinik und zu Hause mehrmals wöchentlich Sport zu treiben.“ Ihre anfängliche Skepsis habe sich allerdings schon bald darauf gelegt. „Eine wichtige Botschaft war für uns, dass auch Patienten mit Schizophrenie in der Lage sind, durchzuhalten. Das hatten zuvor viele bezweifelt.“

Um sie bei der Stange zu halten, müsse man sich um die Patienten kümmern, sie anrufen und einen guten Kontakt zu ihnen aufbauen, räumt der Psychiater ein. Auch die Einbindung in eine Gruppe habe einen wichtigen Beitrag geleistet. Wie Malchow hinzufügt, haben Patienten mit Schizophrenie in der Regel eine geringere Grundkondition als gesunde Personen gleichen Alters. „Viele bewegen sich wenig, ernähren sich ungesund, und viele rauchen zudem.“ Hinzu komme, dass die Betroffenen aufgrund der Behandlung mit Antipsychotika oftmals stark zunehmen.

„Patienten mit Schizophrenie tragen daher ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sterben infolgedessen meist 15 bis 20 Jahre früher als gesunde Gleichaltrige.“ Auch in dieser Hinsicht sei körperliche Aktivität für die Betroffenen daher von erheblichem Nutzen. In einer neuen Studie, an der mehrere Zentren in Deutschland mitwirken, wollen die Münchner Wissenschaftler das Verfahren nun bei einer sehr viel größeren Gruppe von Patienten testen.

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