https://www.faz.net/-gwz-89zrg

Arzneivorräte im Hospiz : Die ungeöffnete Packung ist Sondermüll

  • -Aktualisiert am

Bares Geld: Ungebrauchte Medikamente Bild: dpa

Medikamente aus dem Vorrat verstorbener Patienten könnten noch genutzt werden. Doch die Hospize müssen die Mittel vernichten. Einige der Häuser wollen sich damit nicht mehr abfinden.

          Hospize müssen auch weiterhin alle Arzneimittel eines Verstorbenen vernichten, selbst dann, wenn die Packungen gar nicht geöffnet worden sind. Die Bundesregierung wird kein Gesetz auf den Weg bringen, das die Weiterverwendung von Medikamenten in Hospizen erlaubt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hervor. Als Begründung führt die Bundesregierung Gefahren bei der Arzneimittelsicherheit an. In Deutschland sorgt ein gesetzlich geregeltes Apothekenmonopol dafür, dass nur Apotheker Medikamente lagern und aushändigen dürfen. Diese sind dann auch für die Abgabe der einwandfreien Ware verantwortlich. Die Bundesregierung geht nicht davon aus, dass die Weiterverwendung von übriggebliebenen Medikamenten in Hospizen die Arzneimittelausgaben derart reduzieren würde, dass die erzielten Einsparungen eine Abweichung von diesem bewährten Prinzip rechtfertigen würden. Im vergangenen Jahr sind laut der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Arzneimittel im Wert von 39,1 Milliarden Euro in Deutschland verordnet worden.

          Allerdings kennt niemand das deutschlandweite Einsparpotential, das sich aus der Weiterverwendung von Arzneimitteln im Hospiz ergeben würde. Dazu gibt es keine statistisch belastbaren Zahlen. Das hat auch die Bundesregierung in ihrer Antwort eingeräumt, gleichzeitig aber auch klar gesagt, dass sie nicht beabsichtige, solche Zahlen zu erheben. Frank Johannes Hensel, Diözesan-Caritasdirektor im Erzbistum Köln, wirft der Bundesregierung deshalb vor, dass sie gar keine Kenntnis vom wahren Ausmaß des Problems habe und vorschnell auf die Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen reagiert habe.

          Hensel kennt zwar auch nicht den genauen Gegenwert der vernichteten Medikamente für die Bundesrepublik, verfügt aber über eine akribisch erhobene Stichprobe aus sechs Hospizen in der Trägerschaft des Erzbistums Köln sowie eine Hochrechnung für alle Hospize des Bistums und für alle Hospize in Nordrhein-Westfalen. Demnach werden in den zwölf Einrichtungen der Caritas im Erzbistum Köln Arzneimittel im Wert von 159 000 Euro pro Jahr vernichtet. In den 62 Hospizen in NordrheinWestfalen landen jährlich Arzneimittel im Wert von 850 000 Euro im Müll. Diese im Sommer von Hensel und Martha Wiggermann, Referentin beim Diözesan-Caritasverband in Köln, veröffentlichten Zahlen hatten die Anfrage an die Bundesregierung ins Rollen gebracht. Für diese Berechnungen sind drei Monate lang alle in den sechs Hospizen übriggebliebenen Medikamente registriert worden. Hochgerechnet wurden die Zahlen dann über die Sterbequote. Für Hensel ist die Entsorgung der vom Hospiz verwalteten Medikamente medizinisch und ökonomisch unsinnig. Der Internist, der einige Jahre für die Bundesärztekammer gearbeitet hat, möchte, dass die unverbrauchten und ungeöffneten Medikamente in einen nicht personengebundenen Vorrat aufgenommen werden, aus dem der Arzt sie dann an andere Bewohner im Hospiz weiterverordnen kann. Derzeit werden die übriggebliebenen Medikamente über die Apotheken entsorgt. Das meiste wird verbrannt, einiges landet im Sondermüll.

          Weitere Themen

          Militärisches Auge im All Video-Seite öffnen

          Frankreichs neuer Satellit : Militärisches Auge im All

          Eine Sojus-Rakete bringt vom Weltraumbahnhof Kourou einen Satelliten in die Erdumlaufbahn, der Frankreichs militärische Aufklärung aus dem Weltraum revolutionieren soll. CSO-1 soll das in die Jahre gekommene Helios-System ersetzen und gestochen scharfe Aufnahmen von der Erde liefern. Auch Deutschland will vom Adlerauge im All profitieren.

          Ein Roboter wird zum Chemiker Video-Seite öffnen

          Chemputer : Ein Roboter wird zum Chemiker

          Ein Roboter ist in der Lage, selbständig Arzneien mischen. Ein Schlafmittel, ein Schmerzmittel und das Potenzmittel Viagra gehören schon zum Repertoire.

          Topmeldungen

          Christdemokraten im Aufbruch : Wozu braucht die CDU noch Friedrich Merz?

          Die Anhänger von Friedrich Merz haben ihren Helden verloren. Doch die Trauer über dessen Niederlage währte nur kurz. Der Wirtschaftsflügel der CDU befindet sich im Aufbruch – und hofft auf Zugeständnisse der neuen Parteichefin.
          Mit diesem Autobahnabschnitt auf der A648 wäre auch die Deutsche Umwelthilfe zufrieden, hier gilt bereits Tempo 100.

          Klimaschutz : Umwelthilfe will Tempolimit 120 auf Autobahnen

          Die Deutsche Umwelthilfe prozessiert fleißig, um Fahrverbote in vielen Städten durchzusetzen. Nun gehen die Aktivisten einen Schritt weiter. Sie prüfen, ob sich ein Tempolimit von 120 auf deutschen Autobahnen juristisch erzwingen lässt.

          Meteorologie : Wie wird denn nun der Winter?

          Den Wettertrend einer ganzen Jahreszeit vorherzusagen war bislang Spökenkiekerei. Nun gibt es eine neue Prognosemethode.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.