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Arzneimittel : Unbewältigtes Chaos im Pillenschrank

  • -Aktualisiert am

Pillen im Angebot: Sie alle wollen richtig verordnet sein Bild: ddp

Die EU klagt, dass der Markt mit gefälschten Arzneien aus dem Ruder läuft. Dabei fangen die Probleme schon bei legalen Mitteln an. Das Leid mit den Medikationsfehlern.

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          Die Therapie mit Arzneimitteln ist ein riskanter Prozess. Dosierungsfehler, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und mangelnde Überwachung können dem Patienten erheblich schaden. Vermutlich sterben mehr Menschen durch inadäquate Verordnungen als durch Verkehrsunfälle. Ganz präzise kann der Tod auf Rezept derzeit nicht beziffert werden. Sämtliche Zahlen spiegeln nur Momentaufnahmen. Nach einer im „British Medical Journal“ veröffentlichten Studie gehen fünf Prozent der Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurück. Zwei Drittel der Fälle seien vermeidbar gewesen, so Munir Pirmohamed von der Universität Liverpool in dem Bericht. Ähnliche Zahlen gibt es auch von anderer Seite. Vermutlich zeigen sie nur die Spitze des Eisbergs.

          Weil die wenigsten Behandlungsfehler entdeckt werden, besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der wissenschaftlich belegten und der subjektiv wahrgenommenen Dimension des Problems. Die Anwendungssicherheit zugelassener Medikamenten war deshalb auch lange Zeit kein Thema der Gesundheitspolitik. Gefordert sind aber verbindliche Rahmenbedingungen für ein systematisches und vorbeugendes Fehlermanagement beim Umgang mit Arzneimitteln.

          Verbesserung der Anwendungssicherheit

          Die Vereinigten Staaten und einige europäische Länder haben die Senkung schwerwiegender Medikationsfehler schon vor neun Jahren zum nationalen Ziel erklärt. Für Deutschland kam der Weckruf erst 2005 mit einem ersten Kongress zur Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie in Saarbrücken. Vor zwei Jahren legte das Bundesgesundheitsministerium einen Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit vor.

          Koordiniert und moderiert wird der Prozess von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Es geht bei den 49 Einzelmaßnahmen um eine bessere Sicherheitskultur, um einen schnelleren Zugriff auf verordnungsrelevante Daten und um die Entwicklung eines strukturierten Verschreibungsprozesses. Einige der Maßnahmen sind zwar umgesetzt worden. Man hat sich aber noch immer nicht auf Indikatoren geeinigt, die zeigen, dass der eingeschlagene Weg auch tatsächlich zu weniger Verordnungsfehlern führt.

          Mangelnde Tests

          Zu den Initiatoren der Initiative zählt Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken und Mitglied im Vorstand der Arzneimittelkommission. Beim Thema Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten, klagt er zu Recht, hat man sich lange Zeit nur auf die klinischen Studien konzentriert, nicht auf die Anwendungssicherheit. Nebenwirkungen erfasst man auch nach der Zulassung, vermeidbare Risiken durch Verordnungsfehler dagegen nicht. Dabei gilt die Arzneimitteltherapie als ein Hochrisikoprozess. Verordnet wird unter Zeitdruck und oft auch ohne Kenntnis der Begleiterkrankungen und deren Therapie.

          Viele Wirkstoffe sind hochpotent, die Patienten oft kränker als die Patienten in den klinischen Studien. Außerdem werden im klinischen Alltag Wirkstoffkombinationen verwendet, die so nie zuvor getestet worden waren. Es fehlt, sagt Grandt, überhaupt an Überlegungen, wie der individuelle Verordnungsprozess sicher gestaltet werden könnte und wie Schäden durch die Arzneimittel vermieden werden. Es geht also um ein vorausschauendes Risikomanagement, nicht um Schuldzuweisung oder das Aufdecken individueller Fehler.

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