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Arzneimittel Metformin : Was Diabetiker vital hält

  • -Aktualisiert am

Eine Diabetikerin bekommt den Katheter ihrer Insulinpumpe in den Oberschenkel gesetzt. Bild: dpa

Das Arzneimittel Metformin lässt Diabetiker länger leben als andere gängige Medikamente. Und die Zuckerkranken werden mit Hilfe des Mittels sogar älter als Gesunde, zeigt eine neue Studie.

          3 Min.

          Der Typ-2-Diabetes gilt als Endstrecke eines fehlgeleiteten Lebensstils. Wer zu viel von zu vielen falschen Dingen isst, sich wenig bewegt, an Gewicht zulegt und angesichts steigender Insulin-Resistenz schließlich ein metabolisches Syndrom mit schlechten Fettwerten und zu hohem Blutdruck entwickelt, gilt in Sachen Gesundheit als der typische Loser unserer Wohlstandswelt. In dieses Szenario platzt jetzt das bemerkenswerte Ergebnis einer Studie aus dem Cochrane Institute der medizinischen Fakultät an der walisischen Universität Cardiff: Typ-2-Diabetiker können trotz ihres Risikoprofils länger leben als Menschen mit einem funktionierenden Glukosestoffwechsel - vorausgesetzt, sie nehmen das Diabetesmedikament Metformin ein.

          Letztlich war es ein unerwarteter Nebenbefund einer Vergleichsstudie, die das Team um den Pharmakoepidemiologen Craig C. Curry koordinierte, um Metformin mit einer Gruppe von anderen Diabetesmedikamenten zu vergleichen, den Sulfonylharnstoffpräparaten. Letztere stehen nämlich in der Kritik, weil sie zwar lange als Goldstandard in der Diabetestherapie galten und immer noch häufig verschrieben werden, dies aber nicht mehr gerechtfertigt sei, wie Curry und andere führende Diabetologen monieren.

          Die wenigsten Todesfälle

          Sulfonylharnstoffe gehen nicht nur mit einer unerwünschten Gewichtszunahme einher und verursachen mitunter gefährliche Unterzuckerungen. Sie stehen überdies im Verdacht, die Schäden an Herz und Gefäßen, die der Diabeteskranke ohnehin fürchten muss, noch zu verschlimmern. Allerdings sind Sulfonylharnstoffe in Studien häufig direkt mit Metformin verglichen worden. Wenn die Ergebnisse dann schlecht für die Sulfonylharnstoffe ausfielen, ließ sich nicht sicher sagen, ob das an den positiven Effekten des Metformins lag oder ob die Sulfonylharnstoffe tatsächlich so wenig taugen. Deshalb gab es in der aktuellen Studie eine dritte Vergleichsgruppe: 78 241 Patienten erhielten Metformin, 12 222 Sulfonylharnstoffpräparate und 90 463 Teilnehmer hatten keinen Diabetes und nahmen keine der beiden Substanzen ein. Bei den Diabetikern unter Metformintherapie gab es die wenigsten Todesfälle in der rückblickenden Auswertung der Patientendaten. Die zuckergesunden Probanden hatten ihnen gegenüber sogar eine um fünfzehn Prozent kürzere mittlere Überlebenszeit, unter Sulfonylharnstofftherapie war sie sogar um 38 Prozent geringer. Es gab also eine klare Reihung: Am günstigsten schnitten die Kranken unter Metformin ab, dann folgten die Gesunden, schließlich jene, die Sulfonylharnstoffe einnahmen. Anteilig starben unter Letzteren im Vergleich zu den Nichtdiabetikern fast doppelt so viele Personen („Diabetes, Obesity and Metabolism“, doi:10.1111/dom.12354). Das bestätigt, dass die bekannten Zweifel am Stellenwert der Sulfonylharnstoffe ihren Grund haben. Für sie spricht fast nur noch, dass sie so billig sind und das Budget der Krankenkassen weniger belasten. Während die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in der Debatte um die Versorgungsleitlinie Diabetes schon im vergangenen Jahr gegenüber dem Einsatz dieser Mittel auf Abstand gingen, werden Sulfonylharnstoffe zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) immer noch vor anderen Substanzen favorisiert.

          Die wirklich ermutigende Botschaft der jüngsten Studie liegt für Diabetespatienten jedoch darin, dass unter einer Metformintherapie ihre Lebenserwartung nicht nur nicht eingeschränkt, sondern vermutlich sogar länger ist als die von Menschen, deren Zuckerstoffwechsel in Ordnung ist. Hier schließt sich ein Glied in der Argumentationskette, denn aufgrund der Ergebnisse aus Tierversuchen gilt Metformin schon geraume Zeit als potentiell lebensverlängernde Substanz.

          Mäuse leben länger mit Metformin

          Im vergangenen Jahr präsentierte eine Forschergruppe des staatlichen Institutes für Altersforschung in Baltimore Studienergebnisse von Mäuseversuchen: Männliche Vertreter der Nagetiere lebten nachweislich länger, wenn sie Metformin erhielten („Nature Communications“, Bd. 4, S. 2192). Inzwischen finden sich immer mehr Arbeiten, die den dahinterliegenden Mechanismen nachgehen. Metformin lässt auf Zellebene den Organismus so profitieren, als würde die Kalorienaufnahme eingeschränkt, was bekanntlich wie ein Jungbrunnen wirkt. Das Medikament aktiviert verschiedene Enzyme, allen voran die AMP-Kinase und die AMP-Kinase LKB1. Metformin wirkt außerdem über den Transkriptionsfaktor SKN-1/Nrf2, dem ein Schutz vor oxidativem Stress zugeschrieben wird. Bei beiden Strategien nutzt Metformin mithin phylogenetisch alte Stoffwechselwege, die unabhängig von Insulinsignalen funktionieren („PLoS One“ Bd. 5(1), S. e8758).

          Die jüngsten Ergebnisse in dieser Kette wurden erst in diesem Sommer veröffentlicht und stammen von der Universität in Leuven. Sie stützen die Annahme, dass die lebensverlängernden Effekte von Metformin über die sogenannte Mitohormesis zustande kommen („PNAS“, Bd. 111(24), S. E2501). Hierbei handelt es sich um ein Modell, das die Mitochondrien als lebensverlängernde Faktoren in den Mittelpunkt rückt. Galten diese früher als bloße Kraftwerke der Zellen, gehen Biologen inzwischen davon aus, dass minimal gestresste Mitochondrien eine positive Kaskade in Gang setzen. Das mache die Zelle als Ganzes robuster und befähige sie, Schäden besser abzupuffern. Bisher hieß es stets, Tierversuche seien noch kein Beleg dafür, dass Metformin eine echte Altersbremse sei. Und noch geht niemand in all diesen Veröffentlichungen so weit, Metformin für Nichtdiabetiker zu empfehlen. Aber die Studien, die dies prüfen, laufen längst.

          Das Medikament gilt seit Versuchen mit Labormäusen als ein möglicherweise lebensverlängernder Stoff.

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