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Artenschwund im Darm : Eine Arche für unsere Gesundheit

Innere Artenkrise: Unser Mikrobiom verarmt. Bild: obs

Die Natur verarmt, sogar die im Bauch. Eintönigkeit aber ist gefährlich, die Darmflora hält uns gesund. Deshalb würden Forscher gerne die Mikroben der Ureinwohner anzapfen. Eine Glosse über den Plünderethos.

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          Die Frage, wie viel echte Natur es noch gibt, wird heute gerne verknüpft mit der Frage, wie viel Zeit uns als Gattung auf diesem Planeten noch bleibt. Die Sensibilität für ökologische Zusammenhänge wächst weiter, so viel ist sicher. Man spürt sie heute nicht mehr nur im Bioladen. Natur ist allerdings auch ein schwammiger Begriff. Was natürlich ist, will genauer erklärt werden. Ist es das wahrhaft Ursprüngliche, und nur das?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das jedenfalls, was heute politisch oder auf dem Markt als natürlich angeboten wird, hat oft mit der authentischen Natur nicht mehr viel zu tun. Auf die Frage, was Natur sei, antwortete der Umweltminister Kohls und langjährige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, einer der grünen Weisen im konservativen Lager und ein wahrhaftiger Kosmopolit, mahnend: „Natur? Es gibt keine mehr. Sie ist nur noch das, was der Mensch erlaubt, Natur zu sein.“ Immer und überall hat der Mensch seine Finger im Spiel.

          Naturpuristen hören das natürlich gar nicht gerne. Ihr letzter Strohhalm ist deshalb das Prinzip Arche, das Rettungsparadigma schlechthin, das sie gerne auch als Notausgang zurück in die Wildnis sehen. In der Bibelerzählung Genesis wird die vom Patriarchen Noah gebaute Arche als schwimmfähiger Kasten beschrieben, der die Familie und die Landtiere vor den Fluten retten sollte. Nach diesem Prinzip der Arche hat die Wissenschaft inzwischen immerhin schon mitgeholfen, die letzten Wildsamen und aussterbenden Nutzpflanzen in der tiefgekühlten „Seed Vault“ auf Spitzbergen vor dem Verschwinden zu retten. Das aber war erst der Anfang. Je schneller der Mensch den Planeten umgestaltet, desto lauter die Rufe der Archianer.

          Ka’apor-Indios in Brasilien.

          In der Zeitschrift „Science“ hat Maria Gloria Dominguez-Bello von der amerikanischen Rutgers University den jüngsten Rettungsaufruf gestartet: eine Arche für das menschliche Mikrobiom. Genau genommen also für den Darminhalt, denn der besteht pfundweise aus Mikroben. Äußerst nützliche Mikroben wohlgemerkt, wie heute jeder weiß, denn ohne eine gesunde, reiche, diverse Darmflora ist der Mensch praktisch nicht lebensfähig, er kann auch nicht klar denken ohne seine Mikroben. Das Fatale ist: Unser Mikrobiom verarmt. Verstädterung, Bequemlichkeit, Industrienahrung, kurz: Zivilisatorischer Luxus fegt die kleinen Helferarmeen aus dem Darm. Amazonasindianer beherbergen doppelt so viele Darmbakterien wie ein gesunder Amerikaner. Ebenjene Urdarm-Bewohner aber könnten, so die amerikanische Forscherin, irgendwann als eiserne mikrobielle Reserve anderswo gebraucht werden. Es geht also, einmal mehr, ums nackte Überleben im Paradies – um die Paradiese im Norden. Und deshalb werden wir auch nicht lange warten müssen auf die Mikrobiom-Biobank, die das Rettende bereithält, wo die Gefahren wachsen.

          Lange Zeit zum Überlegen gibt es nicht. Die Erderwärmung schmälert heute schon, wie britische Forscher neulich darlegten, die mikrobielle Vielfalt weltweit. Und wer überzeugt am Ende die Indigenen davon, dass ihre Darminhaltspende am Ende nicht dazu führt, dass sie noch schneller vergessen werden als eh schon? Zum guten Schluss ist auch die Mikro-Arche nur ein Kasten der Patriarchen, und für kleine Völker keine Überlebensgarantie.

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