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Antibiotika-Resistenzen : Ein Huhn kommt selten allein

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Auf Hühnerfleisch fand man Keime, die gegen Antibiotika resistent sind. Das sei nichts Neues, sagen die Behörden. Wie gefährlich ist das, was da in den Kochtopf soll?

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          Vielleicht hatte der BUND auf eine Neuauflage gehofft. Rechtzeitig vor der "Grünen Woche" in Berlin hatte die Umweltorganisation die Nachricht verbreitet, in Hähnchenfleischproben aus Supermärkten habe man hochresistente Bakterien gefunden. Der Verband bereitet derzeit eine Großdemonstration gegen Massentierhaltung vor, am kommenden Samstag will man vom Berliner Hauptbahnhof ins Regierungsviertel marschieren. Im vergangenen Jahr kamen, aufgeschreckt durch den Dioxin-Skandal, mehr als zwanzigtausend Teilnehmer. Auch die Hähnchenkeime schafften es diesmal auf die Titelseiten und in die Tagesschau.

          Dabei ist der Fund von Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, auf Hähnchenfleisch nicht einmal etwas Neues. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) entdeckte schon vor zwei Jahren in 22 Prozent der untersuchten Hähnchenfleischproben methicillinresistente Staphylococcus aureus-Keime (MRSA), sechs Prozent der Proben waren außerdem "ESBL-verdächtig".

          ESBL-Bildner knacken den Beta-Lactam-Ring

          Wie gefährlich wird es für den Verbraucher, wenn er ein solches Hähnchen vor sich hat? Der Veterinärmediziner Bernd-Alois Tenhagen muss etwas weiter ausholen, um diese Frage zu beantworten. Der 46-Jährige arbeitet am BfR in Berlin im Nationalen Referenzlabor für Antibiotikaresistenz. "Wenn Keime unter Selektionsdruck geraten, weil sie mit Antibiotika bekämpft werden, überleben nur diejenigen, die eine genetische Grundlage für die Resistenz haben, wie beispielsweise die ESBL-Bildner", erklärt Tenhagen. ESBL steht für "extended spectrum beta-lactamase". Beta-Lactamasen sind Bakterienenzyme, die eine ringförmige Struktur im Antibiotikum-Molekül aufbrechen und auf diese Weise beispielsweise Penicillin unwirksam machen. Beta-Lactamasen mit erweitertem Spektrum sind allerdings noch um einiges potenter als einfache Beta-Lactamasen. Sie können sogar die allerneuesten Antibiotika außer Gefecht setzen, etwa die sogenannten Cephalosporine der dritten und vierten Generation.

          Frisches Hähnchenfleisch erfordert hygienischen Umgang

          Die Berliner Risikoforscher und auch der BUND konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf den eher harmlosen Darmkeim Escherichia coli als "Indikatorkeim" für das Vorhandensein von Resistenzen. Die ESBL-Gene sind mobil, im Milieu des Tier- oder Menschendarms werden sie leicht von solchen harmlosen Bakterien auf gefährlichere übertragen. Krankheitserreger, die ESBL bilden können, sind vor allem für immungeschwächte Menschen gefährlich, etwa Krebspatienten oder Frühgeborene. Wer gesund ist, erkrankt häufig nicht einmal, wenn er bei der Zubereitung des Hähnchens wenig Hygiene walten lässt und sich den einen oder anderen Keim einverleibt. Selbst wenn es sich dabei um Salmonellen handelt? "Die allermeisten Infektionen mit Salmonellen bekämpft man sowieso nicht mit Antibiotika, sondern geht symptomatisch gegen die Brech-Durchfälle vor", sagt Tenhagen. Antibiotika werden nur verwendet, wenn Salmonellen, etwa bei immungeschwächten Menschen, in die Blutbahn einbrechen, den Körper überfluten und eine sogenannte "septikämische Allgemeininfektion" auslösen.

          Wie viele ESBL-Keime im Krankenhaus kommen aus der Küche?

          "Denkbar wäre aber folgendes Szenario: Sie waschen sich nach dem Schneiden des rohen Huhns nicht die Hände und essen danach etwas mit der Hand", sagt Tenhagen. "Im Darm werden die ESBL-Gene von E. coli dann vielleicht auf pathogene Keime übertragen." Kommt ein solcher Träger zufällig ins Krankenhaus, können die Keime abwehrgeschwächte Menschen infizieren.

          Hier endet allerdings eine mögliche Spur. "Wir wissen nicht, welcher Anteil der Infektionen im Krankenhaus lebensmittelassoziiert ist", sagt Tenhagen. ESBL-Bildner spielen in Kliniken durchaus eine Rolle. Zuletzt machte der Tod von drei Frühgeborenen im Herbst in einer Bremer Klinik Schlagzeilen - die Säuglinge hatten sich mit ESBL-Keimen infiziert.

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