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Ansteckungskrankheiten : Masern: Mediziner beklagen Impfmüdigkeit

  • Aktualisiert am

Nur ein kleiner Pieks: Masernimpfung Bild: AP

Aktuelle Masern-Fälle in Bayern beleben die Kritik an einer allgemeinen Impfmüdigkeit in Deutschland. Die Erkrankungen sei unnötig. Skeptiker entgegnen, es sei besser die Krankheiten zu durchleben.

          3 Min.

          Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit: Die Virusinfektion zieht in manchen Fällen gefährliche Komplikationen nach sich, die im Extremfall tödlich enden können. So starb im Februar ein 14 Jahre altes Mädchen in Hessen an den Folgen einer Masern-Erkrankung. Jetzt sind in Oberbayern die Masern ausgebrochen: Mehr als 110 Menschen haben sich in München, in Freising und im Landkreis Weilheim-Schongau bereits infiziert, wie das bayerische Gesundheitsministerium mitteilte.

          Vier Erwachsene aus Freising sind im Zuge der Masern-Infektion an einer Lungenentzündung erkrankt, wie Ministeriumssprecherin Andrea Kinateder berichtet. Zwei von ihnen entgingen nur knapp einer künstlichen Beatmung. Dies alles müßte nicht sein, glaubt man den Experten: Die Betroffenen seien nicht oder allenfalls unzureichend geimpft gewesen, sagt Kinateder. „Die Impfung ist die beste Vorsorgemaßnahme“, erklärt sie.

          Vorbehalte vor Impfungen

          Und auch Sabine Reiter, Impfexpertin am Robert-Koch-Institut, betont: „Nach zwei Masern-Impfungen besteht ein Schutz von etwa 99,5 Prozent.“ Die Zahl der geimpften Kinder ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: So hatten 1998 Reiter zufolge bundesweit nur knapp 15 Prozent beide Masern-Impfungen bekommen. 2003 waren es bereits über 50 Prozent. Daher sei die Zahl der gemeldeten Erkrankungen von mehr als 6.000 im Jahr 2001 auf rund 120 im vergangenen Jahr gesunken. Dennoch sind nicht alle Eltern in Deutschland vom Sinn der Impfung überzeugt: „Gerade in höheren sozialen Schichten gibt es Vorbehalte gegen die Masern-Impfung“, sagt Reiter.

          Viele von ihnen stünden der Naturheilkunde nahe und sähen die Schulmedizin generell kritisch. So glaubten sie zum Beispiel, das Erleiden der Krankheit sei für das Immunsystem nützlicher als die Impfung. „Das ist eine fatale Einstellung“, kritisiert die Expertin. „Man schickt Kinder im Rahmen der Verkehrserziehung ja auch nicht auf die Autobahn.“

          Denn Masern seien eine ernsthafte Erkrankung mit verhältnismäßig vielen Komplikationen.So führt die Krankheit zu einer vorübergehenden Immunschwäche, während der die Patienten eine Lungenentzündung oder Mittelohrentzündung bekommen können. Am gefürchtetsten ist die Masern-Gehirnentzündung, die Reiter zufolge bei etwa 0,1 Prozent der Fälle auftritt. Zehn bis zwanzig Prozent der Patienten sterben an dieser Enzephalitis, bei 20 bis 30 Prozent bleiben Dauerschäden.

          Auch Mediziner zum Teil skeptisch

          Doch es gibt auch anerkannte Mediziner, die die Masern-Impfung zumindest teilweise in Frage stellen. So erklärt der Münchner Kinderarzt und Impfexperte Martin Hirte in seinem Ratgeber „Impfen Pro & Contra“: „Es gibt Hinweise darauf, daß die Masern zu vermehrter Widerstandskraft gegen Infekte, Allergien und Krebs führen.“ Außerdem könne auch die Impfung zwar seltene, aber dennoch schwere Nebenwirkungen haben.

          Daneben bezweifelt der Experte, daß die Impfung tatsächlich ein Leben lang vor der Krankheit schützt: Es gebe deutliche Hinweise darauf, daß die „meßbaren Antikörper bei den meisten Impflingen relativ schnell absinken“. Daher hält es Hirte für sinnvoll, gesunden Kindern zunächst die Chance zu geben, die Krankheit durchzumachen und dadurch lebenslang immun zu werden. „Ab dem Schulalter ist die Impfung zu empfehlen, da Masernkomplikationen wie Enzephalitis in diesem Alter zunehmen und die Impfung wahrscheinlich sicherer ist, als die Erkrankung durchzustehen.“

          Erwachsene stärker gefährdet

          Einig sind sich die Mediziner darin, daß die Krankheit im Jugend- und Erwachsenenalter oft schwerer verläuft. Hirte zufolge sind außerdem Säuglinge besonders gefährdet. Kinder von Frauen, die Masern durchgemacht haben, hätten in den ersten Lebensmonaten einen Nestschutz. Dagegen seien die Babys geimpfter Mütter gefährdeter: „Die Empfänglichkeit gegenüber dieser Krankheit ist bei ihnen dreimal so hoch wie bei Kindern von Müttern, die die Krankheit durchgemacht haben“, betont der Arzt.

          Sabine Reiter jedoch findet keine Argumente gegen die Impfung. Daß es schwere Impffolgen gebe, sei nicht bewiesen oder allenfalls extrem selten. Es könne höchstens zu leichteren Impfreaktionen wie einem Ausschlag oder einer Rötung der Impfstelle kommen. Daher rät die Expertin - wie öffentlich empfohlen -, Kinder im Alter von elf bis vierzehn Monaten zum ersten Mal gegen Masern impfen zu lassen. Die Zweitimpfung, die frühstens vier Wochen später erfolgen kann, soll auch Kinder schützen, die bei der Erstimpfung noch keine ausreichende Immunität entwickelt haben.

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