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Anorexie-Patientinnen : „Nur“ dünn und trotzdem krank

  • -Aktualisiert am

Magersucht ist eine Krankheit, hinter der mehr steckt als der Wunsch nach einer „Traumfigur“. Bild: dpa

Man muss nicht völlig abgemagert sein, um als magersüchtig zu gelten: Wissenschaftler setzen neue Grenzen fest - und räumen auch mit Vorurteilen auf, etwa dem, dass allein Model-Shows schuld sind, wenn junge Frauen hungern.

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          Ist Heidi Klums Casting-Sendung "Germany 's Next Topmodel" schuld, wenn junge Mädchen sich auf Idealmaße oder weniger herunterhungern? Oder ist es die Familie, der Leistungsdruck, sexistische Werbung an jeder Straßenecke? Die ständig neu auftauchenden Schuldzuweisungen und die Spekulationen in den Medien darüber, wie Magersucht entsteht, haben ihre Entsprechung in der Wissenschaft: Auch unter Forschern wird die Krankheit Anorexia nervosa, die in Industrieländern ein Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer betrifft, schon seit Jahrzehnten immer wieder als "das Enigma Anorexie" oder "das Rätsel Anorexie" bezeichnet. Geprägt hat den Begriff vor fast vierzig Jahren die deutsch-amerikanische Ärztin Hilde Bruch mit ihrem 1978 erschienenen Bestseller "Der Goldene Käfig - das Enigma Anorexia nervosa". Und die Ursachensuche dauert bis heute an.

          Dass man in den vergangenen Jahren dem Ursprung der Krankheit ein gutes Stück näher gekommen ist, zeigen allerdings jetzt deutsche Wissenschaftler um Stephan Zipfel, den Leiter der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen, im Fachmagazin "Lancet Psychiatry". Sie haben sich die Entwicklung der Anorexie-Forschung der vergangenen fünf Jahre angesehen und bewertet, was die neuen Erkenntnisse für die Behandlung von magersüchtigen Patienten bedeuten können. "Die bahnbrechende Neuerung ist, dass wir uns in der jüngeren Vergangenheit auf drei verschiedenen Kontinenten - Europa, Nordamerika und Australien - auf Standards bei Diagnostik und Therapie einigen konnten", sagt Zipfel. Welche Therapien wirklich helfen, ist nun breit anerkannt und mit Studien bewiesen. Gerade in der Frage, welche Formen von Psychotherapie erwachsenen Betroffenen helfen, ist man durch britische Studien, die erst im vergangenen Jahr erschienen sind, entscheidend vorangekommen: Sowohl für die kognitive Verhaltenstherapie als auch für die von der Psychoanalyse abgeleitete psychodynamische Therapie gibt es inzwischen "moderate" wissenschaftliche Evidenz für Erfolg, während man noch vor wenigen Jahren nicht wusste, ob sie überhaupt sinnvoll sind, und von einer eher schwachen Evidenz ausgehen musste. Eine Methode aus Neuseeland, das "Specialist Supportive Clinical Management", gilt ebenfalls als ein Ansatz, dessen Erfolg moderat belegbar ist. Das Verfahren konzentriert sich darauf, den Alltag Erkrankter mit wöchentlichen Therapiesitzungen zu begleiten und dabei praktische Belange besonders zu berücksichtigen, die Patienten etwa in Ernährungsfragen zu schulen.

          Medikamente helfen nicht

          Bei Kindern und Jugendlichen gibt es inzwischen nicht nur moderate, sondern starke Belege dafür, dass Therapiekonzepte, bei denen die Familie einbezogen wird, erfolgreich sind. Wichtig ist vor allem, dass den Betroffenen früh geholfen wird. Das kritische Zeitfenster liege bei einer Erkrankungsdauer von unter drei Jahren, sagt Zipfel. Danach würde eine vollständige Genesung immer schwieriger. Und klar ist auch: "Es gibt keine Medikamente gegen die Magersucht", sagt Zipfel. Antidepressiva haben in verschiedenen Studien keinen Nutzen gezeigt, und Antipsychotika sind noch nicht ausreichend erforscht.

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