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Demenzerkrankung : Alzheimer muss nicht sein

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Studien zeigen, dass der typische Gedächtnisverlust im Vergleich zu früher deutlich später und auch seltener auftritt. Bild: Your_Photo_Today

Die Zahl der Demenzkranken wird in Zukunft dramatisch steigen, heißt es. Für kommende Jahrgänge sieht das offenbar ganz anders aus. Man beobachtet einen Rückgang der Neuerkrankungsraten.

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          Gleich werde ich Ihnen eine Liste von Worten vorlesen. Versuchen Sie, sich an so viele wie möglich zu erinnern.“ Die Aufgabe klingt einfach, für Anne Falter-Leitzen ist es trotzdem eine Qual. Am Ende des Versuchs, rund eine Viertelstunde und einige Rechen-, Merk- und Computeraufgaben später, werden dieselben Worte noch einmal und zum wiederholten Male abgefragt. „O nein, das ist so ekelhaft“, entfährt es der Mittfünfzigerin, und man sieht sie schwitzen. Sie beugt sich vor, legt die Hände an die gerunzelte Stirn und versucht, Wort um Wort aus den Tiefen ihres Gehirns zu kramen: „Bein, Bogen, äh Katze, ...Tisch,...“ Folterkammer wird sie den kargen Raum später nennen.

          Niemand könne sich alle Begriffe merken, damit hatte ihre Prüferin anfangs versucht, die Situation aufzulockern. Aber so ein Gedächtnis-Check ist ab einem gewissen Alter, wenn die Dinge nicht mehr ganz so selbstverständlich im Gehirn haften bleiben, keine harmlose Sache mehr. „Ich habe großen Respekt oder sagen wir: Angst vor dem Morbus Alzheimer“, sagt Falter-Leitzen. Um die Forschung im Kampf gegen die Krankheit zu unterstützen, hat die Beamtin nun im neuen Bonner Untersuchungszentrum auf einem der Designerstühle Platz genommen und wartet auf den nächsten Test.

          Bonner Bürger helfen der Altersforschung

          Anne Falter-Leitzen ist eine von rund 30.000 Bonner Bürgern, die Monique Breteler und ihr Team am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in den kommenden Jahrzehnten zu ihrer Rheinland-Studie einladen wollen. Noch kann die Medizin wenig gegen die Krankheit ausrichten, das soll sich ändern: „Wir wollen verstehen, wie eine Demenz entsteht, was sie begünstigt und was in den Jahren davor passiert. Und wie man sie verhindert“, fasst Breteler, Direktorin für populationsbezogene Gesundheitsforschung, das Ziel dieser Studie zusammen.

          Der deutsche Staat will das vorerst mit einigen Millionen Euro jährlich unterstützen. Das Geld dürfte gut angelegt sein. In ihrem Heimatland, den Niederlanden, hatte die Epidemiologin bereits ein ähnliches Mammutprojekt betreut und war Ende der 1990er Jahre zu einem spektakulären Ergebnis gekommen: Die Zunahme der Alzheimerkranken, der häufig vorausgesagte Tsunami für das Sozialsystem, wird wohl ausbleiben. Ihre Zahl wird sich nicht wie befürchtet alle zwanzig Jahre verdoppeln. Es wird in Zukunft zwar immer mehr alte Menschen geben, aber laut dieser Rotterdam-Studie nicht zwangsläufig mehr Demenzkranke. Breteler erkannte, was seither mehrere Forscher bestätigten, dass die Zahl der Neuerkrankungen, im Fachjargon Inzidenz genannt, in den westlichen Ländern sogar fällt. Im Vergleich zur Situation vor dreißig, vierzig Jahren tritt ein Gedächtnisverlust heutzutage wesentlich später im Alter auf. Falls Menschen diesen dramatischen Schwund überhaupt erleben.

          Weniger Spuren von Alzheimer

          Bei seinen Untersuchungen an Verstorbenen stellt Enikö Kövari von der Universität Genf regelmäßig fest, dass deren Gehirne inzwischen wieder jünger erscheinen. In dreißig Jahren hat Kövari fast 1600 Tote obduziert. Anfang der 70er Jahre waren noch deutlich mehr amyloide Plaques zwischen den Nervenzellen zu finden als heute. Diese Ablagerungen gelten als Vorboten, wenn nicht sogar als Auslöser des Morbus Alzheimer. Auch die Rotterdamer Hirnscan-Aufnahmen zeigten: Die Senioren von heute erleiden nicht nur weniger Infarkte und Gefäßverkalkungen als frühere Generationen, sondern haben sogar durchschnittlich größere Gehirne.

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