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Demenzerkrankung : Alzheimer muss nicht sein

  • -Aktualisiert am

Die Rate der Neuerkrankungen sinkt

Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel Gabriele Doblhammer-Reiter weisen darauf hin, dass traumatische Kriegserfahrungen vielleicht zur Demenzanfälligkeit der älteren Generationen beitragen könnten. Auch zeigten Studien einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von antientzündlichen Medikamenten und einem geringeren Alzheimer-Risiko. Das führte zur Theorie, dass sich die zunehmende Verbreitung von Arzneimitteln wie beispielsweise Diclofenac ebenfalls günstig auswirkt, weil die Wirkstoffe über die gehemmte Entzündung auch das Fortschreiten der Abbauprozesse im Gehirn bremsen.

Da derzeit allerdings niemand genau sagen kann, wie all diese Faktoren zusammenhängen, inwieweit sie sich gegenseitig beeinflussen und ob die Liste schon vollständig ist, muss eine naheliegende Frage unbeantwortet bleiben: Wird der beobachtete Trend, der Rückgang der Neuerkrankungsraten, so weitergehen? Ja, sagen die einen, weil mit der steigenden Zahl von Abiturienten und Studenten der Bildungsgrad der Bevölkerung weiter zunimmt. Nein, sagen die anderen, weil die Zahl der Dicken und Diabetes-Kranken unter den Deutschen mindestens genauso schnell wächst, was wiederum zu mehr Atherosklerose-Kranken führt.

Doch Monique Breteler zeigt sich optimistisch, dass der Trend nicht so einfach wieder stoppt. Sie und ihre Kollegen haben deshalb eine beeindruckende Datensammelleidenschaft entwickelt: Herz, Muskeln, Augen, Durchblutung – nicht nur der Gedächtnistest, eine Generaluntersuchung des ganzen Körpers steht bei allen Probanden auf dem Programm, einschließlich Kernspintomographie. Und das alle drei bis vier Jahre aufs Neue. Spätestens nach Abschluss der Studie sollen die Bilder, Blutwerte und Speichelproben verraten, wie sich die Demenzerkrankten vor Aufblitzen der ersten Symptome von den auch weiterhin Gesunden unterschieden haben. Und welche Lebensgewohnheiten, Erbinformationen oder eben andere Faktoren verantwortlich dafür sind, dass das Gedächtnis schwindet. Vielleicht, so die Hoffnung der DZNE-Forscher, finden sich in den Datenbergen bestimmte Muster, die Hinweise für neue Präventionsmaßnahmen liefern oder sogar für eine Präventionspille. Und es lässt sich möglicherweise herausfinden, wer von welchen Maßnahmen am ehesten profitiert.

Der Mensch steht im Fokus

Woher sie ihren Optimismus nimmt, dass das einmal gelingt? „Weil ich denke, dass wir die richtigen Fragen stellen“, sagt Monique Breteler, „und weil ich fest an unsere Methoden glaube.“ Sie und ihre Mitarbeiter schauen sich gleich den Menschen an, nicht Versuchstiere in Modellsystemen. Und dafür unterziehen sich jetzt Freiwillige wie die Bonner Beamtin Anne Falter-Leitzen den zahlreichen Tests, selbst wenn sie an manchen Gedächtnislücken verzweifeln.

Bis die Details geklärt sind, kann man sich an den bereits bekannten Ergebnissen orientieren. Denn Bildung und geistige Aktivitäten sind nicht nur ganz allgemein hilfreich, sondern können tatsächlich das ganz persönliche Demenzrisiko senken; Sport, Bewegung und ein gesunder Lebensstil tragen dazu bei, dass sich seltener Gefäßverschlüsse im Gehirn bilden. Jedenfalls dann, wenn man früh genug mit dem Training anfängt.

Entscheidend für die Atherosklerose-Prävention seien die mittleren Lebensjahre zwischen dreißig und fünfzig, erklärt Breteler. Aber auch ein aktives Sozialleben im höheren Alter sei wichtig. Offenbar spielt es durchaus eine Rolle, wie wir mit der Welt kommunizieren und auf welche Weise wir später noch geistigen Input erhalten, damit es gelingt, das Gehirn länger jung zu halten.

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