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Demenzerkrankung : Alzheimer muss nicht sein

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Im vergangenen September konnte die amerikanische Epidemiologin Carol A. Derby mit ihrem Team einen weiteren Beleg für diesen Trend in „JAMA Neurology“ präsentieren. Für ihre „Einstein Aging Study“ wurden von 1993 an regelmäßig die über 70-Jährigen im Stadtteil Bronx angeschrieben. Die Daten von mehr als 1300 untersuchten Senioren wurden nun berücksichtigt, darunter 150 Menschen, die im Verlauf der Studie dement wurden. Tatsächlich erkrankten die späteren Jahrgänge im Vergleich zu den früheren seltener an Demenz, das Geburtsdatum Juli 1929 war regelrecht ein Wendepunkt. Für die danach Geborenen sank das relative Risiko im Vergleich erheblich, die Inzidenzrate fiel nämlich um rund 87 Prozent.

Für Deutschland sagt Gabriele Doblhammer-Reiter, die am Rostocker Standort die DZNE-Arbeitsgruppe Demographie leitet, könne man mangels entsprechend großer epidemiologischer Studien keine derartigen Aussagen treffen. Mit Hilfe von Krankenkassen-Daten hat Doblhammer schon versucht, zumindest eine Schätzung abzugeben. Sie ermittelte ebenfalls einen Rückgang der Demenz-Neuerkrankungsrate von zwanzig bis dreißig Prozent pro Jahrzehnt. Auf eine ähnliche Quote, eine um 25 Prozent gesunkene Inzidenz, war Breteler in Rotterdam gestoßen. „Mit jedem Jahr, das Sie und ich älter werden, kriegen wir statistisch gesehen 1,4 demenzfreie Monate dazugeschenkt“, erklärt Doblhammer-Reiter. Demnach kann im Jahr 2028 ein Achtzigjähriger damit rechnen, nicht nur länger zu leben, sondern auch ein Jahr später zu erkranken als diese Altersgruppe heute.

Die Suche nach dem Faktor X

Allerdings ist von diesem Verlauf nicht jeder überzeugt. „Minus dreißig Prozent?“, wundert sich zum Beispiel Horst Bickel, Leiter der Arbeitsgruppe Psychiatrische Epidemiologie der Technischen Universität München. Er bezweifelt einen so starken Rückgang: „Das würde ja bedeuten, dass in den letzten Jahrzehnten ein extrem mächtiger Risikofaktor weggefallen wäre. Aber welcher sollte das sein? Das hat man bisher noch nicht überzeugend darstellen können.“ Diesen mysteriösen Faktor X oder womöglich mehrere Faktoren wollen Breteler und ihre Kollegen mittels der Rheinland-Studie finden. Morbus Alzheimer sei eben nicht der unabwendbare Schicksalsschlag, als der diese Krankheit lange Zeit gegolten habe, sagt Breteler. Unter dem Gedächtnisverlust leiden, wie Wissenschaftler zeigen konnten, vor allem diejenigen Patienten, bei denen mehrere Ursachen zusammenkommen: amyloide Plaques, also die Eiweißablagerungen, die nach gängiger Lehre den Zerstörungsprozess in Gang setzen, Verkalkungen der kleinen Hirngefäße, die sich ebenfalls bei den meisten Demenzkranken finden. Oder auch viele kleine Hirninfarkte, die durch Atherosklerose begünstigt werden. Und vielleicht gibt es noch andere, unbekannte Einflüsse. Dass die Demenzinzidenz zurückgeht, so die aus den Beobachtungen abgeleitete These, ist maßgeblich der besseren Behandlung von Bluthochdruck und überhöhten Blutfettwerten zu verdanken, weil die Tabletten problematische Gefäßverschlüsse verhindern. „Das bedeutet, dass wir den Ausbruch der Krankheit zumindest verzögern können“, verkündet die 57-jährige Epidemiologin Breteler voller Zuversicht.

Eine weitere Erklärung dafür, dass die Zahl der Demenzfälle abnimmt, hat Horst Bickel wiederum in einem bayerischen Kloster aufgespürt. 440 Arme Schulschwestern von Unserer Lieben Frau haben dort 2009 an seiner Studie teilgenommen; 104 zeigten Anzeichen für einen Gedächtnisverlust. Diese unterschieden sich vor allem durch eines von ihren gesünderen Mitschwestern: Sie hatten eine schlechtere Schul- und Berufsausbildung genossen und im Orden eher niedrigere Positionen inne. Weil Lebenswandel und Ernährung unter Nonnen weitestgehend identisch sind, schließen Bickel und viele seiner Kollegen aus dieser und vergleichbaren Studien, dass eine höhere Bildung oder eine von Natur aus bessere Ausstattung des Gehirns den Ausbruch der Krankheit verzögern kann. Wahrscheinlich habe ein solches Gehirn eine höhere Reservekapazität, mutmaßt der Epidemiologe, weil seine Nervenzellen besser verschaltet sind. Somit könnten sie den Verlust geistiger Fähigkeiten eine Zeit lang kompensieren.

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