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Alzheimer : Begleiten ins Vergessen

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Charlton Heston, hier in „Ben Hur”, leidet an Alzheimer Bild: MGM

Neunzig Prozent aller Alzheimer-Patienten werden zu Hause gepflegt. Die Angehörigen leiden mit: Sie pflegen einen zwar geliebten Körper, aber einen, der immer etwas will, sich dauernd beschwert und selten schläft.

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          "Erinnerung ist das Seil, heruntergelassen vom Himmel, das mich herauszieht aus dem Abgrund des Nichtseins", schrieb einst Marcel Proust. Das Seil nur noch ein Faden, der Sturz in den Abgrund nicht mehr aufzuhalten - so ließe sich demnach Alzheimersche Demenz im Proustschen Sinne beschreiben.

          Die Krankheit beginnt mit scheinbar zufälliger Vergeßlichkeit und endet im Verlust des Verstandes. Die Betroffenen verläßt dabei ihre Erinnerung, ihre Sprache, ihre Identität, ihr Selbst. Sie begreifen die Welt nicht mehr, weil die ihre verrückt ist. Tote Nervenzellen, Grabsteine verlorener Vergangenheiten, verwandeln die Festplatte Gehirn in einen Friedhof. "Unbemerkt, in Stücken und Stückchen entglitt ihr die Vergangenheit, alles Gewesene löste sich auf und verschwand. Die Gegenwart trat auf der Stelle, eine Zukunft gab es nicht", beschreibt Leonore Suhl in ihrem Roman "Frau Dahls Flucht ins Ungewisse" eine an Alzheimer erkrankte alte Frau.

          Prominente, die ihre Biographie verloren haben

          Nach einer Studie des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung leiden mittlerweile zwischen 1,2 und 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Morbus Alzheimer. Bis 2030 könnten es 2,5 Millionen sein, jeder zweite über fünfundachtzig gilt als gefährdet. Diese nahe Zukunft wird verdrängt. Alzheimer eignet sich nicht für Prominenten-Galas, auf denen Spenden gesammelt werden, denn hier geht es um Wahnsinnige, die ihre Biographie verloren haben. Prominente Fälle wie Rita Hayworth, Herbert Wehner, Ronald Reagan, Harold Wilson, Willem de Kooning, Helmut Schön, Iris Murdoch, Helmut Zacharias oder Sugar Ray Robinson wurden erst bekannt, als sie ihre Reise ins Niemandsland bereits angetreten hatten.

          Rita Hayworth (1918-1987): Die Hollywood-Schauspielerin wurde zuletzt von ihrer Tochter gepflegt

          Die "Krankheit des Vergessens", die seinen Namen trägt, entdeckte der deutsche Neurologe Alois Alzheimer 1906 bei der mikroskopischen Untersuchung des Hirns seiner ehemaligen Patientin Auguste Deter eher zufällig: Eiweißablagerungen an den Kontaktstellen der Nervenzellen, umgeben von einem verklumpten Hof von Fasern. Diese Diagnose der Krankheit gilt noch heute. Die Chancen, sie früher zu erkennen, mit einer Trefferquote von immerhin fast achtzig Prozent, haben sich verbessert durch Verfahren wie die Positronen-Emissions-Tomographie und durch Fragenkataloge wie den Mini Mental Status Test (MMST). Doch heute wie einst gilt: Keine ärztliche Kunst vermag den beginnenden Verfall jenes Gehirnteils zu stoppen, der für eine unverwechselbare Biographie zuständig ist. Das Gedächtnis kann nicht neu erschaffen werden, wenn es gelöscht ist.

          Mehr Frauen als Männer betroffen

          Zunächst erkrankt nur der Geist an Alzheimerscher Demenz. Der Körper bleibt lange noch gesund. Da die Lebenserwartung dank moderner Medizin gestiegen und das Hauptrisiko für Alzheimer das Alter ist, trifft die Krankheit mittlerweile Millionen. Fachärzte können inzwischen mit ziemlicher Sicherheit feststellen, ob Ausfallerscheinungen im Alter normal sind oder die Vorboten jener Gespenster, die künftig den Weg ins Niemandsland begleiten werden. Wer seine Brille verlegt hat und sie nicht findet, ist gesund. Wer nicht mehr weiß, wozu er sie braucht, ist krank. Man weiß zwar mehr darüber, was da oben im Kopf bei den Kranken passiert. Aber man weiß nicht, warum es passiert.

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