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Alternative Medizin : Klingende Steine statt Pillen

In Esslingen werden an Demenz erkrankte Menschen mit harten Steinen und weichen Klängen behandelt. Das Therapiegerät, das diesen alternativen medizinischen Ansatz ermöglicht, ist der Klangstein.

          5 Min.

          Unbekannte, geradezu mystisch klingende Laute tönen aus einem Behandlungszimmer des geriatrischen Fachkrankenhauses in Esslingen. Vor der geschlossenen Tür lässt sich das Wechselspiel der tiefen metallischen Töne allerdings nur schwer einem bekannten Musikinstrument zuordnen. Die Tonfolge klingt an der einen oder anderen Stelle zwar etwas holprig, aber sie füllt mit ihrem tragenden Charakter schnell das ganze Wartezimmer aus.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


          Als die Tür des Behandlungszimmers geöffnet wird, tritt eine alte Dame mit etwas unsicherem Gang, aber einem freudigen Gesichtsausdruck heraus und grüßt ihre Mitpatienten mit den Worten: “Das tut einfach gut“.

          Bewegungstherapie einer Schlaganfall-Patientin: Der gelähmte Arm wird von der Therapeutin über den Klangstein geführt
          Bewegungstherapie einer Schlaganfall-Patientin: Der gelähmte Arm wird von der Therapeutin über den Klangstein geführt : Bild: Andreas Brand

          Jeder Stein hat seinen eigenen Klang


          Einfach gut scheint der Dame die Klangsteintherapie zu tun, die Martin Runge, Ärztlicher Direktor der Aerpah-Klinik in Esslingen, seit Oktober 2008 bei verschiedensten Krankheitsbildern seiner geriatrischen Patienten anwendet. Zusammen mit Klaus Feßmann von der Universität Mozarteum in Salzburg, der seit über zehn Jahren als Musiker und Komponist mit Klangsteinen arbeitet,
          hat Runge das Therapiekonzept entwickelt. Feßmann selbst ist schon vor vielen Jahren auf die Idee gekommen, mit Steinen Musik zu machen. “Aus jedem Stein kann man einen Klangstein machen“, behauptet er.
          Die Steine werden dazu bildhauerisch bearbeitet und mit tiefen Lamellen versehen. Durch die unterschiedliche Größe und Form der Steine hat jeder seinen ganz individuellen Klang. „Auch Steine mit der selben Bauart klingen nie exakt gleich, “ erläutert Feßmann. Zum Klingen bringt man sie, indem man mit nassen Handflächen über die bearbeitete Steinoberfläche streicht. Sowohl die dabei entstehenden unverwechselbaren Klänge als auch die Klangsteine selbst werden nun in der Esslinger Klinik als therapeutische Hilfsmittel eingesetzt.

          Als nächster ist ein 84-jähriger Mann, der nach längerer Bettlägerigkeit wieder mobilisiert werden soll, an der Reihe. Runge setzt den Patienten mit dem Rücken an einen ca. einen
          Meter hohen Klangstein und beginnt, auf diesem Stein zu spielen. „Die Übertragung von Vibrationen und Schallwellen auf den Körper hat eine Reihe nachgewiesener Wirkungen“, erklärt Runge. “In Abhängigkeit von Frequenz, Kontakt zum Stein, Muskelspannung und Haltung erreichen die Schwingungen verschiedene Abschnitte des Körpers. Bei diesem
          Patienten sollen in Folge des langen Liegens verspannte und untrainierte Muskulatur entkrampft und Bronchialverschleimungen in der Lunge gelockert werden“. Der Patient kommentiert die Aussage Runges mit einem tiefen Einatmen und den Worten: “Damit geht das Durchatmen sofort viel leichter“.

          Kommunikation zwischen Patient und Partner

          Im Nachbarzimmer befindet sich ein so genannter „Partnerklangstein“, der eigens für die therapeutische Arbeit entwickelt wurde. Es ist ein symmetrisch geformter Klangstein, der von zwei Seiten aus gleichzeitig bespielt werden kann.
          „An diesem Stein arbeiten wir unter anderem mit Demenz- Patienten und ihren Angehörigen“, erklärt Katharina Hullmann, Diplom-Psychologin an der Klinik. „Oft ist die Kommunikation bei Paaren, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt ist, von Missverständnissen und verbalem Unvermögen gekennzeichnet. An dem Partnerstein wird solchen Paaren die Möglichkeit gegeben, eine nonverbale Kommunikation aufzubauen. Hierbei findet oft ein Rollentausch in der Weise statt, dass der demenzkranke Partner die Führung in der Melodie übernimmt und eventuell auf diese Art Gefühle und Empfindungen ausdrücken kann, wofür ihm sonst die sprachlichen und kognitiven Möglichkeiten fehlen“, erläutert Hullmann. “Zu dem Konzept der Klangsteintherapie gehört auch das Gefühl des Erfolgserlebnisses, was nicht nur für Demenz-Erkrankte, sondern für fast alle geriatrischen Patienten wichtig ist“, ergänzt Runge. „Dafür weisen die Klangsteine günstige Vorrausetzungen auf, denn das Hörerlebnis ist grundsätzlich neu und anders im Vergleich zu den kulturell in Europa etablierten musikalischen Traditionen. Auf einem Klangstein zu spielen ist etwas völlig Unbekanntes, ein nicht von Erfahrung oder gesellschaftlicher Wertung vorgeprägtes Spiel- und Hörerlebnis, das deswegen praktisch keine negativen Assoziationen und Wertungen hervorrufen kann. Hinzu kommt, dass das Klangsteinspielen auf langsame Alltagsbewegungen zurückgreift, die auch bei Patienten mit vielen motorischen Störungen noch verfügbar sind. „Um den Stein zum Klingen zu bringen, muss man koordinierte gleichförmige Bewegungen mit den Armen und Händen machen, also genau solche Übungen, die für bewegungsgestörte Patienten wichtig sind“, erläutert Runge weiter.

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