https://www.faz.net/-gwz-9a2iz

Alkoholismus : Und ein letztes Glas im Stehn

In Umfragen zum Alkoholkonsum wird oft gelogen

Die große Crux solcher Studien ist, dass bei Selbstauskünften oft gelogen wird. Gerade bei sensiblen Themen wie dem Alkoholkonsum unterschätzen sich die Befragten um bis zu fünfzig Prozent. So neigen Vieltrinker etwa zum Beschönigen ihrer Gewohnheiten, außerdem werden nicht alle Bereiche der Gesellschaft abgebildet: Obdachlose beispielsweise nehmen meist nicht an allgemeinen Umfragen teil. Für das schottische Modell wurden Gruppen gebildet, abhängig von Alter, Geschlecht und Einkünften. Es zeigte sich, dass ein Mindestpreis besonders preissensitive Gruppen treffen würde, also beispielsweise starke Trinker oder Jugendliche, die ihre Alkoholexzesse vom Taschengeld bezahlen müssen.

Suff ist in vielen Ländern Europas vergleichsweise preiswert zu haben. Zwar trinken vor allem die Besserverdienenden regelmäßig, Abhängige gibt es jedoch in allen Schichten. Und ein Mindestpreis wird sie kaum abhalten. „Bei Süchtigen haben sich die Machtverhältnisse im Gehirn etwas verschoben, man trinkt auf bestimmte Trigger – Werbung, Verfügbarkeit, Musik –, das löst bei Süchtigen andere Anreizprozesse aus als bei Nicht-Süchtigen“, erklärt Johannes Lindenmeyer, Psychologe und Direktor der Salus Klinik für Sucht im brandenburgischen Lindow. Deshalb zielt die schottische Politik auch darauf ab, Risikotrinker nicht zu Süchtigen werden zu lassen. „Es gibt keine Suchtpersönlichkeit. Ohne Konsum gibt es keine Suchtentwicklung. Wenn Leute weniger konsumieren, gibt es eben auch weniger Suchtkranke“, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité.

Striktes Verbot ist auch keine Lösung

Wenn es um Alkohol geht, lassen sich Jugendliche leicht durch Werbung, Verfügbarkeit und erschwingliche Preise verführen. „Es geht da ja nicht um Abhängigkeiten, nur sehr wenige junge Menschen sind abhängig von Alkohol. Es geht vielmehr darum, die negativen Begleiterscheinungen wie Gewalt oder sexuelle Übergriffe zu vermeiden“, betont Lindenmeyer. Der Psychologe hält es für problematisch, strikte Verbote auszusprechen und Jugendliche nach dem Motto „Trink keinen Alkohol!“ völlige Abstinenz zu predigen, wenn Erwachsene das Gegenteil tun. „Man müsste ihnen zeigen, wie man vernünftig damit umgeht.“ Tatsächlich konsumieren Jugendliche weniger Alkohol als noch vor einigen Jahren, auch Binge-Drinking wird unbeliebter: 14 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen trinken einmal im Monat exzessiv, 2007 waren es noch mehr als 30 Prozent.

Der Alkoholkonsum ist seit den achtziger Jahren in Europa rückläufig. Ein Mindestpreis würde diesen Trend unterstützen, um mehr geht es in Schottland wohl nicht. Aus medizinischer Sicht eine kluge Maßnahme, meint nicht nur Andreas Heinz. Die Bevölkerung müsse sich entscheiden, sagt der Psychiater, welche Drogen sie zulasse und welcher Preis dafür zu bezahlen sei. Eine Entscheidung, die auch Deutschland treffen muss.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der russische Präsident Wladimir Putin beobachtet im September 2019 eine Militärübung.

Ukraine-Konflikt : Was will Putin wirklich?

Mit seinem Truppenaufmarsch befördert Russland, was es angeblich verhindern will: dass die NATO ihre Ostflanke verstärkt und der Westen Waffen an die Ukraine liefert.
Am Tatort: Spurensicherung

Amoklauf in Heidelberg : Im Hörsaal getötet

Ein Student dringt mit mehreren Waffen in einen Hörsaal ein, und eröffnet das Feuer. Eine Frau stirbt nach einem Kopfschuss. Hinter dem Angriff soll eine Beziehungstat stecken.
Hauptsache dagegen: Mehr als Zweitausend Impfgegner, Coronaleugner und Querdenker demonstrieren in der Innenstadt von Frankfurt am Main gegen die Corona-Maßnahmen.

Corona-Proteste : Wo bleibt der Widerspruch?

Seit Wochen bestimmen die Aufmärsche der „Querdenker“ die Bilder und Nachrichten. Dabei kann die große Mehrheit mit der Radikalopposition der Bewegung nichts anfangen. Warum sind die Besonnenen und Vernünftigen im Moment so still?