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: Akupunktur ohne Zielzwang

  • -Aktualisiert am

In zwei neuen Studien wurde die Wirksamkeit der Akupunktur geprüft. Ergebnis: Sie wirkt auch ohne Zielgenauigkeit des Nadelstechers.

          3 Min.

          Obgleich es an fundierten Untersuchungen über die Wirksamkeit der Akupunktur mangelt, ist dieses Behandlungsverfahren seit langer Zeit außerordentlich beliebt. Allein in Deutschland sollen rund 20 000 Ärzte regelmäßig darauf zurückgreifen. Von erheblicher Bedeutung sind daher zwei neue Studien, in denen das Verfahren eingehend geprüft wurde. Die Ergebnisse kamen für viele überraschend und haben in Fachkreisen für erhebliche Verwirrung gesorgt.

          In einer der beiden Untersuchungen sind Michael Haake von der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg und seine Kollegen der Frage nachgegangen, inwieweit eine nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin ausgeführte Akupunktur chronische Rückenschmerzen zu lindern vermag. Als Vergleich diente einerseits eine unspezifische, nicht an den einschlägigen Therapiepunkten vorgenommene Akupunktur und andererseits eine konventionelle Schmerztherapie. Wenig schmeichelhaft war der Ausgang der Untersuchung für die Schulmedizin, die mit Abstand am schlechtesten abschnitt. Aber auch die Anhänger der traditionellen chinesischen Medizin dürften mit dem Resultat kaum zufrieden gewesen sein. Denn die Berücksichtigung der einschlägigen Therapiepunkte zeigte keine bessere Wirkung als eine unspezifische Akupunktur. Ob der Arzt die Nadeln entlang der Meridiane in die Haut steckte oder in einiger Entfernung davon - das Behandlungsergebnis war in beiden Fällen gleich positiv.

          Einbezogen wurden in die Studie, an der sich knapp 400 Arztpraxen beteiligt hatten, insgesamt 1162 Männer und Frauen mit chronischen Rückenschmerzen. Über eineinhalb Monate hinweg erhielten die Patienten zehn Anwendungen entweder einer Akupunktur oder einer herkömmlichen Schmerzbehandlung, bestehend aus Schmerzmitteln und allgemeinen Maßnahmen wie Physiotherapie. Ein halbes Jahr nach Beginn der Studie zog man Bilanz.

          Nach Angaben von Haake konnte die übliche Schmerzbehandlung nur bei 27 Prozent der Patienten die Beschwerden nachhaltig lindern oder die Beweglichkeit des Rückens bessern. Demgegenüber führten die traditionelle chinesische Akupunktur bei 48 Prozent und die unspezifische Akupunktur bei 44 Prozent zu einer spürbaren Besserung. Einige Teilnehmer waren allerdings "abtrünnig" geworden, indem sie sich nicht vorgesehenen Behandlungen unterzogen. In den beiden Akupunkturgruppen zählten etwa Krankengymnastik und Injektionen zu den unerlaubten Zusatztherapien, im standardgemäß behandelten Kollektiv zum Beispiel eine Akupunktur. Durch solche zusätzlichen Maßnahmen erhöhte sich die Erfolgsquote in allen drei Kollektiven. Die traditionelle Akupunktur führte dann bei 78 Prozent der Patienten zu einer nachhaltigen Linderung der Beschwerden, die unspezifische Akupunktur bei 72 Prozent und die Schulmedizin bei 27 Prozent.

          Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die zweite, noch nicht ganz abgeschlossene Studie der deutschen Arbeitsgruppe, an der mehr als eintausend Frauen und Männer mit Kniegelenksarthrose teilgenommen haben. Auch hierbei schnitt die Schulmedizin bei weitem nicht so gut ab wie die fernöstliche Heilmethode. Beide Arten von Akupunktur - die unspezifische und die traditionell chinesische - linderten die Beschwerden bei rund der Hälfte der Patienten, die konventionelle Behandlung bei weniger als einem Drittel.

          Der Londoner Arzt Felix Mann, Gründer und lange Zeit Präsident der Britischen Gesellschaft für Akupunktur, hat schon vor vielen Jahren herausgefunden, daß die Akupunktur auch dann wirkt, wenn man die Nadeln weit entfernt von den einschlägigen Meridianen in die Haut einbringt. Nach seinen Erfahrungen, die er in dem Mitte der neunziger Jahre erschienenen Buch "Die Revolution der Akupunktur - Neue Konzepte einer alten Heilkunde" beschrieben hat, sind die Areale, über die man therapeutische Wirkungen erzielen kann, viel größer als von der traditionellen chinesischen Medizin vorgegeben.

          Auf welche Weise die Akupunktur gegen Schmerzen wirkt, ist noch weitgehend ungeklärt. Daher weiß man auch noch nicht, weshalb die Art und Weise eine so geringe Rolle spielt. Möglicherweise trägt, wie Haake anmerkt, eine stärkere Ausschüttung von Endorphinen, körpereigenen Schmerzstillern, zur Wirkung bei. Einen solchen Effekt habe man in mehreren Studien nachweisen können. Der Schmerztherapeut Michael Zenz von den Kliniken Bergmannsheil in Bochum vermutet, daß die Wirksamkeit teilweise auf einen "Superplaceboeffekt" zurückgeht. Es habe sich gezeigt, daß eingreifende Maßnahmen wie Injektionen und Operationen im allgemeinen eine viel stärkere Placebowirkung aufwiesen als weniger invasive Therapien, etwa eine Behandlung mit Medikamenten. In der Schmerztherapie spiele der Placeboeffekt eine besonders große Rolle, was Zenz keineswegs abwertend meint. Wie der Bochumer Therapeut zugleich einräumt, eignet sich die Akupunktur nicht für alle Beschwerden gleichermaßen. Starke Schmerzen, denen ein Krebsleiden oder eine andere schwere Krankheit zugrunde liegt, sollten auf herkömmliche Weise behandelt werden.

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