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Akupunktur : Kasse zahlt Nadelstiche gegen Schmerzen

  • -Aktualisiert am

Gezielte Nadelstiche lindern die Schmerzen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Akupunktur hilft bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen. Davon sind auch die Krankenkassen überzeugt. Ab diesem Herbst übernehmen sie deshalb die Kosten für solche Behandlungen.

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          Die gesetzlichen Krankenkassen werden vom Herbst an die Kosten der Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen übernehmen. Bei allen anderen Erkrankungen bleibt diese Form der Schmerzbehandlung auch weiterhin von der Erstattung ausgenommen, etwa beim Spannungskopfschmerz oder bei der Migräne. Grundlage für diese Entscheidung ist ein Beschluß des Gemeinsamen Bundesausschusses vom April, dem das Bundesgesundheitsministerium vor wenigen Tagen gefolgt ist. Das Ministerium hat seine Entscheidung allerdings mit einigen Auflagen verbunden. So darf die Akupunktur nicht allein angeboten werden, sondern muß Teil eines schmerztherapeutischen Gesamtkonzeptes zur Linderung der Knie- und Rückenbeschwerden sein. Außerdem müssen die Ärzte eine Weiterbildung in Akupunktur absolviert haben und Kenntnisse in Psychosomatik und Schmerztherapie nachweisen können. Derzeit werden von den gesetzlich Versicherten rund eineinhalb Milliarden Euro für Akupunktur ausgegeben.

          Daß die Akupunktur bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird, ist das Ergebnis der Gerac-Studien. Gerac steht für German Acupuncture Trials und bezeichnet vier Modellvorhaben, mit denen die Wirkung der Akupunktur bei den häufigsten chronischen Schmerzkrankheiten überprüft wurde - der Migräne, dem Spannungskopfschmerz sowie dem Kreuz- und Knieschmerz. Initiiert und finanziert wurden die Vorhaben von den Krankenversicherungen, ausgeführt und begleitet von einem Forschungsverbund aus vier regionalen Studienzentralen. Die Leitung des Forschungsverbunds hatte Hans-Joachim Trampisch vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Ruhr-Universität Bochum inne. Der Abschlußbericht zum Modellvorhaben Kniegelenkarthrose wurde in der vergangenen Woche in Heidelberg von Norbert Victor vom Institut für Medizinische Biometrie und Informatik der dortigen Universität vorgestellt.

          Kein genereller Placeboeffekt

          Dem Bericht zufolge wirkt die Akupunktur bei chronischen Knieschmerzen besser als die gängige Standardtherapie mit Medikamenten und Krankengymnastik. Allerdings zeigte sich, so Konrad Streitberger von der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsklinik in Heidelberg, kein Unterschied zwischen einer Akupunktur nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin und einer Scheinakupunktur. Bei letzterer wurden die Stahlnadeln nicht an den klassischen Punkten in Knienähe angesetzt. Vielmehr wählte man dazu andere Stellen an Knöcheln, Oberschenkeln und Armen. Die Nadeln wurden zudem nur unmittelbar unter die Haut und nicht bis zu dreieinhalb Zentimeter tief ins Gewebe geschoben. Außerdem verzichtete man bei der Scheinakupunktur auf deren Stimulierung mit der Hand.

          Akupunkturpunkte sind über den ganzen Körper verteilt
          Akupunkturpunkte sind über den ganzen Körper verteilt : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Daß kein Unterschied zwischen den zwei Vorgehensweisen besteht, bedeutet nach Ansicht von Victor und seinen Kollegen allerdings nicht, es sei belanglos, wohin man bei der Akupunktur steche. Sie vermuten eher, daß die Bedeutung der Punkte und der Tiefe der Nadelung bisher überschätzt worden sind und die Scheinakupunktur eine neue Form der minimalinvasiven Akupunktur darstellt. Bei der Migräne und dem Spannungskopfschmerz war die Akupunktur der Standardtherapie nicht überlegen, was gegen einen generellen Placeboeffekt spricht. Bei diesen Krankheiten ist sie nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen übernommen worden. Allerdings hat das Bundesgesundheitsministerium den Gemeinsamen Bundesausschuß angewiesen zu prüfen, ob sie bei diesen Schmerzzuständen als Ausweichbehandlung in Frage kommt.

          Weniger Schmerzmittel und Krankengymnastik

          Die Studie zur Kniegelenkarthrose wurde nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin ausgeführt ("Annals of Internal Medicine", Bd.145, S.12). Ihre Qualität übersteigt die anderer Akupunkturstudien, weshalb das Interesse daran im In- und Ausland groß ist. Die mehr als tausend Patienten konnten zehn bis fünfzehn Behandlungen in Anspruch nehmen. Die Wirkung wurde nach einem halben Jahr anhand einer international anerkannten Bewertungsskala gemessen, die Schmerz, Funktion und Gelenksteifigkeit erfaßt. Als Erfolg galt eine Verbesserung um 36 Prozent. Der mit der Standardtherapie erreichte Wert betrug lediglich 29 Prozent, was laut Definition nicht als Erfolg zu werten ist. Mit einer Akupunktur nach den Regeln der traditionellen Medizin ließ sich eine Verbesserung um 53 Prozent erreichen, mit der Scheinakupunktur um 51 Prozent. Die Patienten in den Akupunkturgruppen beanspruchten zudem weniger Schmerzmittel und Krankengymnastik als die Patienten in der Standardgruppe. Ob sich mit der Akupunktur gegen chronische Knie- und Rückenschmerzen außer den Beschwerden auch die Behandlungskosten verringern lassen, ist noch nicht geklärt.

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