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Affenpocken : Der schrille Klang der Alarmglocken

Ein Mann erhält im kanadischen Montreal eine Impfung gegen die Affenpocken. Bild: dpa

Die Affenpocken werden jetzt doch als „Gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite“ eingestuft. Vielleicht kommt der Weckruf der WHO zu spät?

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          Die Sehnsucht nach ein paar unbeschwerten Wochen ist derzeit ungeheuer groß. Wir wünschen uns Leichtigkeit vor einem ungewissen Corona-Herbst und dem frostigen Spar-Winter – werden durch Hitzerekorde, Dürre und Waldbrände jedoch daran erinnert, dass uns Wetterextreme in Zukunft öfter drohen. Und statt des Jubels auf „Sommer, Sonne, Party“ müsste es am Ende wohl eher „Pandemie“ oder „Pusteln“ heißen: Mehr als 15.000 Fälle von Affenpocken wurden seit Anfang Mai weltweit registriert, in nichtendemischen Ländern. Allein in Deutschland sind es laut Robert-Koch-Institut 2352 Infizierte (Stand 25. Juli), allesamt Männer – und mehr als die Hälfte lebt in Berlin.

          Dass sich die Betroffenen zumeist bei männlichen Sexualpartnern angesteckt haben und die Zahl der wechselnden Partner für die Verbreitung offensichtlich eine Rolle spielt, macht die Angelegenheit delikat: Wie will man Risikogruppen gezielt aufklären und diesen Ausbruch eindämmen, ohne zu stigmatisieren oder zu diskriminieren? Enger Hautkontakt kann schon für eine Übertragung genügen, und zu Beginn sehen Affenpocken oft nicht viel anders aus als eitrige Pickel oder entzündete Haarwurzeln. Doch die Bevölkerung scheint allgemein müde, sich neben den neuen Corona-Varianten noch mit irgendwelchen anderen Erregern auseinandersetzen zu müssen.

          Mit sexuell übertragbaren Krankheiten beschäftigt sich sowieso niemand gerne, obwohl es sich um typische Mitbringsel aus dem Urlaub handelt, die Ferienzeit ist auch ihre Saison. Dass die Weltgesundheitsorganisation das Infektionsgeschehen zu den Affenpocken jetzt zu einer „Gesundheitlichen Notlage mit internationaler Tragweite“ erklärte, kommt für manche Experten viel zu spät, andere wollten diese schrille Alarmglocke dagegen noch immer nicht läuten, denn die Infektionen verlaufen in der Regel mild, bislang sind nur wenige Patienten schwer erkrankt oder gar gestorben. Es gibt zwar Parallelen zu den Anfängen der Aids-Pandemie, aber dieses Mal ist der Erreger kein Retrovirus, Affenpocken nisten sich nicht im Körper ein.

          Sollte es diesen Viren jedoch gelingen, ein Tierreservoir zu finden, werden wir auch sie nicht mehr los. In Europa und Nordamerika steigen die Zahlen weiter, und in bestimmten Kreisen ist das Ansteckungsrisiko groß. Höchste Zeit also, gefährdeten Menschen zu helfen, ihnen eine Impfung und im Verdachtsfall eine schnelle Diagnose zu ermöglichen. Sicher, das geht nicht ohne Taktgefühl – und Offenheit. Klar ist außerdem: Für die kollektive Sorglosigkeit ist der Sommer 2022 ungeeignet.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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