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Ärztliche Beihilfe zum Suizid : Sterben darf nicht normiert werden

  • -Aktualisiert am

Die Hände einer Schwester halten in einem Hospiz die Hand einer Patientin Bild: dapd

Ist die Beihilfe zum Suizid durch die behandelnden Ärzte ethisch vertretbar? Nach den Gesetzesinitiativen fordern immer mehr Mediziner eine Debatte über ihre Rolle am Lebensende der Patienten.

          Günther K. ist ein mir seit zweieinhalb Jahren bekannter 42 Jahre alter Architekt, der an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet. Seit mehr als zwölf Jahren lebt er mit allmählich fortschreitenden Lähmungserscheinungen, die ihn vor Jahren schon in den Rollstuhl zwangen. Nicht allein mit seiner Krankheit, auch mit den Menschen, die ihn umgeben und versorgen, pflegt er einen bewunderungswürdigen Umgang. Durch viele Gespräche und Erlebnisse bin ich mittlerweile fast freundschaftlich mit ihm verbunden, und stets habe ich ihn in seinem Willen, sich gegen die Krankheit zu behaupten, unterstützt. Doch seit einigen Monaten fällt es ihm schwer zu sprechen, und phasenweise benötigt er jetzt ein Beatmungsgerät. Viel Zeit habe ich darauf verwandt, ihm nahezubringen, dass seine Angst vor einem Erstickungstod, der fälschlicherweise oft für unausweichlich bei dieser Erkrankung gehalten wird, unbegründet ist; er vielmehr allmählich in einen durch die Krankheit selbst herbeigeführten Narkosezustand fallen wird, der ihn in tiefer Bewusstlosigkeit in den Tod wird hinübergleiten lassen.

          Er jedoch kann sich mit diesem Szenario nicht anfreunden. Sein Lebensende illusionslos vor Augen, möchte er diesen für ihn unerträglichen Leidenszustand nicht bis zum Äußersten durchleben: „Bewusst und wachen Verstandes möchte ich Abschied nehmen. Ich will nicht erleben, dass die Krankheit mich niedermacht und ich mir selbst zur unerträglichen Last werde“, so seine Worte. Mehrfach bat er mich um meine Hilfe „wenn es so weit ist“. Und die werde ich ihm nicht versagen.

          Maßstab ist das Patientenwohl

          Denn Maßstab ärztlichen Handelns ist keineswegs der Lebensschutz, sondern das Patientenwohl und der Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten, zumal dann, wenn sich das Leben qualvoll seinem Ende zuneigt. Beide Prinzipien sind niedergelegt in der „Charta zur ärztlichen Berufsethik“, die 2002 international von zahlreichen ärztlichen Berufsverbänden verabschiedet wurde. Sie beruht auf der grundsätzlichen Verpflichtung des Arztes, den Interessen des Patienten zu dienen, auch und gerade am Lebensende: Letztlich ist es der Sterbende selbst, der darüber entscheidet, was seinem Wohl dient – und nicht der Arzt, so wünschenswert es auch ist, dass Entscheidungen, die das Lebensende betreffen, auf dialogischem Weg zwischen Krankem, Arzt und Angehörigen zustande kommen.

          Palliativmedizin und Hospizbewegung haben während der letzten Jahre einen enormen Aufschwung genommen und das Leiden zahlloser Sterbender erträglicher gemacht. Doch auch Palliativmedizin stößt an Grenzen, wie selbst Palliativmediziner zugestehen und eine 2010 publizierte Studie, die die Praxis der Palliativärzte in Deutschland untersuchte, belegt: „Es ist bemerkenswert, dass ein Teil der befragten Ärztinnen und Ärzte (27 Prozent, Anm. des Verfassers) eine Verkürzung des Lebens nicht nur vorhersieht, sondern beabsichtigt (...). Diese neuen empirischen Forschungsergebnisse sollten als Grundlage für eine ehrliche Debatte über zeitgemäße ethische Richtlinien zum ärztlichen Handeln am Lebensende genutzt werden“, so die Autoren der Studie.

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