https://www.faz.net/-gwz-9s5ny

Adipositas-Patienten : Wie Übergewichtige beim Arzt diskriminiert werden

  • -Aktualisiert am

Erst sechzehn Jahre alt, bringt dieser mexikanische Patient schon mehr als 116 Kilo auf die Waage. Einmal im Monat muss er zur Untersuchung ins Krankenhaus, dort nimmt man das Übergewicht sehr ernst. Bild: ddp/Benedicte Desrus / Sipa USA

Sie müssen Spott ertragen und sich gegen Vorurteile wehren. Die Ablehnung bekommen Übergewichtige von ihren Mitmenschen zu spüren – und von ihren Ärzten.

          6 Min.

          Der Orthopäde wollte sie weder untersuchen noch anfassen, obwohl ein Bandscheibenvorfall möglich schien. Ihr Rücken schmerzte enorm, daran erinnert sich Anke Moltin und an die Selbstzweifel: „Man fragt sich, ist dem das irgendwie unangenehm?“ Bei einer Größe von 1,72 Meter wiegt die 68-Jährige „geschätzte 120 Kilo“. Eigentlich habe sie dem Orthopäden damals stolz von ihrem Erfolg berichten wollen, dass sie gerade zehn Kilogramm abgenommen hätte. Doch der habe sie nur lustlos aufgefordert, noch mehr abzunehmen, und auch der nächste Orthopäde ging sie hart an.

          Korpulente Patienten wie Anke Moltin (Name von der Redaktion geändert) sind in deutschen Arztpraxen keine Ausnahme mehr. Etwa jeder dritte Patient eines Allgemeinmediziners ist übergewichtig, jeder Fünfte gilt als adipös. Viele fühlen sich unverstanden, gar stigmatisiert. In Umfragen in den Vereinigten Staaten bekannten mehr als die Hälfte der teilnehmenden Mediziner, dass sie Übergewichtige als unangenehm empfinden. Ein Drittel attestiert ihnen einen Mangel an Selbstdisziplin und Willensstärke oder stuft sie als faul ein. Diese Haltung hat bei der Behandlung Konsequenzen: Durchschnittlich scheinen sich Ärzte weniger Zeit für übergewichtige Patienten zu nehmen, wie eine Studie der Rice University in Houston ergab. Die Sprechstunden würden kürzer ausfallen und im Gespräch werde weniger auf sie eingegangen. Dabei sind die behandelnden Ärzte womöglich die Einzigen, die den Übergewichtigen helfen können – sorgen aber auch für zusätzliche Hürden. In den Wartezimmern mangelt es an Stühlen, die XXL-Patienten tragen. In den Behandlungsräumen an Waagen, die ihre Körperlasten messen können.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

          FAZ.NET komplett

          : Neu

          F.A.Z. Woche digital

          F.A.Z. Digital – Jubiläumsangebot!

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Der Verleger Holger Friedrich hat sich gleich in mehreren Punkten verrechnet.

          „Berliner Zeitung“ : Verleger Friedrich hat sich verspekuliert

          Stasi-Vorwürfe, Interessenkonflikt und nun auch noch eine Abfuhr des Berliner Senats. Für den IT-Millionär Holger Friedrich erweist sich sein Investment in den Berliner Verlag als echtes Problem. Sein Geschäftsmodell steht in Frage.
          Eine Randfigur? Kronprinz Wilhelm von Preußen (r.) mit Joseph Goebbels (M.) und Georg Heinrich von Neufville beim Polizeisportfest 1933 in Berlin

          Coup von Böhmermann : Alles ans Licht

          TV-Moderator Jan Böhmermann hat die vier Gutachten zu den Entschädigungsansprüchen des Hauses Hohenzollern veröffentlicht. Jetzt kann die Öffentlichkeit endlich frei über den Fall diskutieren.

          Antrieb der Zukunft : Elektroautos retten das Klima nicht

          Mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, scheint politisch entschieden. Aber neue Untersuchungen nähren Zweifel. Demnach ist ein Elektroauto erst nach 219.000 Kilometern besser für das Klima. Der Plug-in-Hybrid ist erst recht kein Gewinn.