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ADHS : Zappeln, bis der Arzt kommt

  • -Aktualisiert am

Über dem Zappeln schwebt der Krankheitsverdacht: in einem privaten Gymnasium für Schüler mit ADHS Bild: ©Helmut Fricke

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom hat sich zu der am häufigsten diagnostizierten psychischen Störung bei Kindern entwickelt. Auffälliges Verhalten wird heute schnell als Krankheit behandelt. Vielleicht zu schnell?

          6 Min.

          Ratlos schaut Marie den Strumpf in ihrer Linken an, dann legt sie ihn zur Seite. Rennt zur Kommode, wühlt in einer Schublade mit Pullovern, wählt einen grünen. Kaum ist er über den Kopf gezogen, fällt ihr Blick auf ihren Lieblingspulli. Gleich wird der grüne wieder ausgezogen und bleibt auf dem Boden liegen. Eine halbe Stunde später: Marie hockt, in Unterwäsche und mit einem Strumpf am rechten Fuß, auf dem Boden und spielt mit Legosteinen. Von dem Versuch der Sechsjährigen, sich anzuziehen, zeugt nur noch ein Wirrwarr von quer durch den Raum verteilten Klamotten.

          Marie kann sich einfach nicht auf eine Tätigkeit konzentrieren. Immer fängt sie drei Sachen gleichzeitig an und vergisst dabei, was eigentlich zu tun ist. Jeden Morgen muss ihre Mutter mit knappen Anweisungen helfen. "Hol den Strumpf. Setz dich hin. Jetzt zieh ihn an." Nur wenn Ursula Kampa das Anziehen Schritt für Schritt begeleitet, kann der Tag beginnen.

          Die meisten Mütter und Väter kennen ähnliche Situationen. Kinder sind häufig abgelenkt, zeigen mangelnde Ausdauer, werden schnell mal unruhig und zappelig. Doch wenn das partout nicht vorübergehen will, spätestens wenn sie ins Schulalter kommen und sich Lernschwierigkeiten einstellen, keimt der Verdacht, es könne sich um eine krankhafte Fehlentwicklung handeln.

          Rasanter Zuwachs der Diagnostizierungen

          In solchen Fällen lautet die Diagnose immer häufiger "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" (ADS). Kommt noch Hyperaktivität hinzu, sprechen Ärzte von ADHS. Eine Krankheit offenbar, die mit dem nervösen Zeitgeist geht: Allein zwischen 2004 und 2007 verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse (jetzt KKH-Allianz) eine Zunahme entsprechender Diagnosen um fünfzig Prozent. Bundesweit werden in Deutschland mittlerweile 3,8 Prozent der Kinder zwischen sechs und 18 Jahren mit Medikamenten gegen ADHS behandelt - eine Steigerung von 52 Prozent im Vergleich zu 2005.

          Die einfachste Erklärung dafür lautet, dass die Betroffenen dank umfassender Aufklärung besser erkannt werden. Doch wenn Grundschullehrer berichten, in einer Klasse auf nicht weniger als acht ADHS-Kinder zu stoßen, zeigt das nach Auffassung von Helmut Hollmann, dem Chefarzt des Kinderneurologischen Zentrums in Bonn, vor allem eines: "Wir setzen inzwischen andere Beurteilungskriterien an." Über jedem auffälligen Verhalten schwebe heute schon der Krankheitsverdacht. Welches Verhalten noch lebhaft und welches bereits hyperaktiv genannt werden muss, ist auch unter Experten umstritten. Zumal jeder Fall sich vom anderen unterscheidet.

          Amir ist zehn, ein aufgeweckter Junge. Seine Baseballmütze hat er verkehrt herum aufgesetzt und schief ins Gesicht gezogen. So wie sich das eben gehört. "Die Ärzte haben meinem Sohn schon alles Mögliche bescheinigt. Mal soll er unterfordert, mal überfordert gewesen sein, mal war es ADHS, mal das Asperger-Syndrom. Oder einfach nur schlechte Erziehung." Seine Mutter Sabine Kiefner ist von den verschiedenen Auskünften genervt. Amir war immer ein wissbegieriges Kind, das bereits im Kindergarten lesen und rechnen konnte. "Spiele interessierten ihn nicht, er langweilte sich und begann, massiv zu stören", erzählt sie. Schließlich wurde Amir als hochbegabt erkannt. "Doch die Probleme hörten nicht auf. Auch wenn es ein bisschen besser wurde, als er einige Klassen übersprang." Als Amir wieder den Unterricht störte, verschrieb ihm ein Psychiater Medikinet. "Nach dem Motto: Wenn's hilft, dann wird er wohl ADHS haben", kommentiert Frau Kiefner ironisch.

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