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ADHS-Studie : Ist der „Zappelphilipp“ eine chronische Störung?

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Das bekannteste ADHS-Medikament ist Methylphenidat, das häufig mit dem Handelsnamen Ritalin in Verbindung gebracht wird Bild: dpa

Eine große Langzeitstudie zeigt, dass viele hyperaktive Kinder im Erwachsenenalter mit schweren Folgen kämpfen. Doch die Wissenschaftler berichten auch von positiven Überraschungen.

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          Einige positive Überraschungen sind zu entdecken, aber auch einige enttäuschende Lücken - so lautet das Urteil von Experten für die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS über die bisher größte Langzeitstudie zum Thema, die jetzt im Fachmagazin „Pediatrics“ (doi: 10.1542/peds.2012-2354) erschienen ist. Für die Untersuchung begleiteten amerikanische Wissenschaftler vom Boston Children’s Hospital und der Mayo Clinic 5700 zwischen 1976 und 1982 in Rochester geborene Kinder bis zum Erwachsenenalter. Das Fazit der Forscher lautet: die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung verschwindet nach dem Ende der Kindheit nicht einfach, sondern beschert den Patienten auch später noch schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit.

          Es handele sich um die erste populationsbasierte Studie in dieser Größe, die diese Problematik untersucht, schreiben die Forscher. 370 der fast 6000 Kinder erhielten die Diagnose ADHS; die übrigen Kinder fungierten als Kontrollgruppe. Die Probanden waren im Mittel 27 Jahre alt, als sie sich der Nachuntersuchung stellten.

          Drei Prozent waren später inhaftiert

          Die Befragung der erwachsenen Probanden mittels strukturierter Interviews ergab, dass 29 Prozent der Betroffenen noch immer unter ADHS litten. 57 Prozent hatten mindestens eine weitere psychiatrische Erkrankung - bei den Kontrollen, die als Kinder nicht unter ADHS gelitten hatten, waren es nur 35 Prozent. Am häufigsten zeigten die Betroffenen Substanzabhängigkeit, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, hypomane Episoden, Angststörungen und Depressionen. Zwei Prozent und damit insgesamt sieben der 370 Kinder, bei denen ursprünglich ADHS diagnostiziert worden war, lebten im Erwachsenenalter nicht mehr; drei davon hatten Selbstmord begangen. Unter den Kindern der Kontrollgruppe waren nur 0,7 Prozent gestorben, und nur 0,1 Prozent hatten Suizid begangen. Knapp drei Prozent der ADHS-Patienten waren zum Follow-up-Zeitpunkt inhaftiert.

          „Positiv überraschend ist, dass nur etwa dreißig Prozent einen Übergang der ADHS ins Erwachsenenalter zeigen“, kommentiert Michael Schulte-Markwort, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Ergebnisse. „Bisher gingen wir davon aus, dass etwa sechzig Prozent eine Persistenz ins Erwachsenenalter zeigen.“ Das Thema ADHS im Erwachsenenalter wurde in den vergangenen Jahren vermehrt diskutiert, mit der Folge, dass inzwischen viele Spezialambulanzen für die Betroffenen existieren. Im Jahr 2011 kam zudem erstmals ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat für erwachsene ADHS-Patienten auf den Markt.

          Eine wichtige Variable fehlt

          Schulte-Markwort bewertet allerdings kritisch, dass eine Variable in der amerikanischen Studie fehlt: die Art der Behandlung. „Unser Wissensstand ist, dass eine frühe Diagnostik und Behandlung die Prognose verbessern“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. „Man müsste also in einer Langzeitstudie ganz genau differenzieren: In welchem Zeitraum wurde medikamentös behandelt? Erhielt der Patient zusätzlich Psychotherapie oder nicht?“ Drei Viertel der Probanden waren als Kinder wegen ihrer Störung behandelt worden, aber genauere Daten fehlen. Schulte-Markwort selbst fand in einer Studie an Strafgefangenen in deutschen Jugendgefängnissen eine hohe Prävalenz an ADHS-Patienten, die nicht diagnostiziert und somit auch nie behandelt worden waren - Ergebnisse, die ein neues Licht auf die Rate der Strafgefangenen in der amerikanischen Studie werfen.

          Die Studie in „Pediatrics“ weist die bisher größte Kontrollgruppe auf. „Die Studie ist sehr repräsentativ, weil es sich nicht um eine selektive Stichprobe handelt, sondern eine gesamte Geburtskohorte betrachtet wird“, sagt Martin Holtmann, ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Hamm, der selbst Langzeitstudien mit deutschen ADHS-Patienten angefertigt hat. „Die erhöhte Suizidalität von Kindern mit ADHS ist schon jetzt recht bekannt, auch unter Eltern, die danach häufig fragen“, sagt Holtmann. „Dazu muss man aber sagen, dass die Suizidalität vor allem eine besondere Risikogruppe betrifft, die eine ADHS zeigen, die durch Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche und depressiven Rückzug verkompliziert wird.“ Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „ADHS plus“; etwa zwanzig Prozent aller Kinder mit ADHS sind betroffen. Die für Mai erwartete Neufassung des amerikanischen Klassifikationssystems psychischer Krankheiten, DSM-5, sieht sogar eine neue Diagnose für diese Patienten vor: DMDD, „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“.

          Daten aus Deutschland

          Die bekannteste deutsche Langzeituntersuchung zu psychischen Störungen im Kindesalter ist die Mannheimer Risikokinderstudie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. Holtmann filterte vor zwei Jahren aus den Daten dieser Untersuchung heraus, wie Kinder mit einer ADHS, die durch starke Stimmungsschwankungen verkompliziert wird, sich im weiteren Verlauf entwickeln. Kinder, die im Alter von acht Jahren der Gruppe mit einem solchen Verhaltensprofil zuzurechnen waren, zeigten im Alter von neunzehn häufig massiven Alkohol- und Drogenkonsum und eine hohe Suizidalität, schrieb Holtmann im „Journal of Child Psychology and Psychiatry“ (doi: 10.1111/j.1469-7610.2010.02309.x). Typisch waren außerdem Antriebslosigkeit und ein „chronisches Kiffersyndrom“. Die Jugendlichen hatten häufig keinen Schulabschluss, brachen Ausbildungen ab und wurden nicht unabhängig vom Elternhaus. Alarmierend war vor allem, dass die Probanden der DMDD-Gruppe mit neunzehn schlechter zurechtkamen als sämtliche Kinder mit anderen Störungen, die zum Vergleich herangezogen wurden, etwa Kinder mit Angststörungen oder Depressionen.

          Der Hauptautor der neuen Studie aus „Pediatrics“, William Barbaresi vom Boston’s Children Hospital, kritisiert in einer Bilanz die verbreitete Fehleinschätzung, dass ADHS lediglich eine „nervige Kinderkrankheit“ sei, die zu viel behandelt werde. Stattdessen sei es notwendig, die Krankheit von Anfang an als chronisch verlaufende Störung zu betrachten und entsprechende Therapien zu entwickeln.

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