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Corona-Pandemie : Virale Botschaften über gängige Hochdruckmittel

  • -Aktualisiert am

Ein schwerstkranker Patient wird in das Gemelli-Hospital in Rom eingeliefert. Bild: EPA

Entgegen anderslautender Meldungen: ACE-Hemmer bergen kein besonderes Corona-Risiko. Ärzte warnen sogar davor, die Blutdrucksenker abzusetzen.

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          Für erhebliche Verunsicherung sorgten kürzlich Warnungen in den Medien, gängige Mittel gegen Bluthochdruck könnten eine Ansteckung mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-19 fördern und bei den Infizierten schwere Lungenentzündungen begünstigen. Die Rede ist von ACE-Hemmern und Angiotensin-Antagonisten, von Medikamenten also, die den Blutdruck senken und das Herz entlasten, indem sie auf jeweils unterschiedliche Weise das die Gefäße verengende Hormon Angiotensin ausschalten.

          Ausgelöst wurden die medialen Schockwellen von theoretischen Überlegungen, nicht etwa von den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien. So hatten Wissenschaftler um Michael Roth vom Universitätsspital Basel in der Fachzeitschrift „Lancet“  zu bedenken gegeben, die besagten Blutdrucksenker führten zu einer Vermehrung jenes Proteins, das Sars-CoV-19 nutzt, um seinen Wirt zu befallen. Bei der viralen „Räuberleiter“ handelt es sich um ein Enzym namens ACE2, das sich auf der Oberfläche vieler Zellen befindet und die Aufgabe hat, Angiotensin außer Gefecht zu setzen. Als ein Gegenspieler des Angiotensin-bildenden Enzyms ACE unterstützt ACE2 somit die therapeutische Wirkung von ACE-Hemmern und Angiotensin-Antagonisten.

          Ob die besagten Blutdrucksenker dem neuartigen Coronavirus tatsächlich Einstiegshilfe leisten, lässt sich bislang nicht belegen. Die Lancet-Autoren halten dies gleichwohl für möglich. Als Indiz für eine solche Gefahr führen sie ins Feld, Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf hätten auffallend oft hohen Blutdruck und andere Störungen, die häufig mit ACE-Hemmern und Angiotensin-Antagonisten behandelt würden.

          Profitieren Corona-Patienten von ACE-Hemmern?

          Dieses Argument lässt Franz Messerli von der Abteilung für Kardiologie am Universitätsspital in Bern nicht gelten. Wie der Hochdruckexperte auf Anfrage sagt, setzt das Virus alten und kranken Menschen bekanntlich besonders zu. Mit dem Alter steige aber auch das Risiko für hohen Blutdruck und viele andere Gebrechen. Wenig erstaunlich sei es daher, dass Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf häufiger von solchen Leiden betroffen sind.

          Dennoch bezeichnete es der Schweizer Kardiologe als wichtig, den Fragen nach der Sicherheit solcher Hochdruckmittel bei Covid-19-Patienten auf den Grund zu gehen. Laut der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie und der Deutschen Hochdruckliga besteht derzeit allerdings kein Grund, auf ACE-Hemmer und Angiotensin-Antagonisten zu verzichten. Auch raten sie dringend davon ab, die betreffenden Mittel ohne Rücksprache mit dem Arzt abzusetzen.

          Es gibt andererseits auch Hinweise darauf, dass Covid-19-Patienten von einer Anwendung solcher Medikamente profitieren könnten. So geht aus mehreren Erhebungen hervor, dass mit ACE-Hemmern und Angiotensin-Antagonisten behandelte Personen seltener eine – auf Bakterien oder auch Viren zurückgehende – Lungenentzündung erleiden als Patienten, die keine solchen Mittel einnehmen. Auch soll die bedrohliche Erkrankung bei Ersteren vergleichsweise seltener in ein tödliches Lungenversagen münden.

          Abfangjagd auf Corona-Viren

          Ob das auch für Infektionen mit Sars-CoV-19 gilt, lässt sich zwar noch nicht beantworten. Untersuchungen bei Mäusen legen einen solchen Schluss gleichwohl nahe. So konnten Wissenschaftler um den Wiener Genetiker Josef Penninger bereits vor Jahren zeigen, dass der Erreger der Lungenkrankheit Sars – ein enger Verwandter des neuen Coronavirus, der wie dieses über das Enzym ACE2 in seine Opfer dringt – über eine erhöhte Freisetzung von Angiotensin die Lunge schädigt. Unterdrückten sie das Hormon mit einschlägigen Hemmstoffen, richtete der Sars-Erreger in der Lunge deutlich viel weniger Schaden an.

          Josef Penninger, der seit zwei Jahren das Life Sciences Institute der University of British Columbia in Vancouver leitet, geht derzeit mit einer Forschergruppe der Frage nach, ob sich das neuartige Coronavirus mit einem Überangebot an freien, also nicht an Zellen gebundenen, ACE2-Proteinen abfangen und so daran hindern lässt, Infektionen anzufachen und deren Folgen zu verschlimmern.

          Entwickelt wird das synthetische ACE2-Molekül namens APN01 von der Firma „Apeiron Biologics“, einem von Penninger gegründeten Biotechunternehmen mit Sitz in Wien. Zu hoffen bleibt, dass sich genügend Investoren finden lassen, um die in Europa und China geplanten Patientenstudien rasch in die Wege zu leiten.

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