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70 Jahre Hiroshioma : Die Bombe und die Daten

Jeder Punkt in obiger Karte zeigt den Standort eines Überlebenden der Atomexplosion über Hiroshima im Moment des Ereignisses. Die Farbe repräsentiert die jeweils erlittene Energiedosis von weniger als fünf Milligray (rosa) bis mehr als einem Gray (rot). Zum Vergleich: die Liquidatoren in Tschernobyl bekamen zwischen 0,8 und 16 Gray ab. Bild: RERF

Ohne die Höllen von Hiroshima und Nagasaki wüssten wir wenig Sicheres über die langfristigen Folgen radioaktiver Strahlen. Eine bessere empirische Basis für unser strahlenmedizinisches Wissen gibt es nicht. Und wird es hoffentlich nie mehr geben.

          Grüner Tee hilft nichts. Auch der Verzehr von viel Obst und Gemüse hat keinen nachweisbaren Einfluss auf das erhöhte Krebsrisiko, das einem eine Dosis radioaktiver Strahlung eingebracht hat. Dies ist nur eines der Erkenntnisse der größten und statistisch gründlichsten Untersuchung zu langfristigen physiologischen Folgen ionisierender Strahlung. An diese Langzeitstudie, die noch immer fortgesetzt wird, erinnern japanische Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „The Lancet“ aus Anlass der bevorstehenden 70. Jahrestage der Kernwaffeneinsätze auf Hiroshima und Nagasaki.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Bomben explodierten am 6. August 1945 in 600 Meter Höhe über Hiroshima und am 9. August in 500 Meter Höhe über Nagasaki. Unmittelbar starben damals bis zu 200.000 Menschen. Wer im Umkreis von 10 Kilometern vom Hypozentrum der Detonationen überlebte und 1950 noch in den beiden Städten wohnte, wurde Teil der besagte Studie, insgesamt fast 94.000 Personen. Aus ihren Angaben darüber, wo sie sich zum Zeitpunkt der Explosion aufgehalten hatten, konnte abgeschätzt werden, welcher Strahlendosis sie ausgesetzt gewesen waren. Erst unter amerikanischer Finanzierung, seit 1974 durch die japanisch-amerikanische Radiation Effects Research Foundation (RERF), wurden bei diesen Menschen im Rahmen der „Life Span Study“ (LSS) die späteren Todesursachen erfasst, seit 1958 auch Krebsdiagnosen. Das Gleiche passierte mit einer Kontrollgruppe aus mehr als 26 000 Einwohnern, die sich am 6. respektive 9. August 1945 nicht in den Städten befunden hatten. Ein Untergruppe von fast 20.000 Überlebenden wurde von 1958 an alle zwei Jahre medizinisch untersucht.

          Auf die Dosis kommt es an

          Das sind gewaltige Zahlen. Bis dahin war das Wissen über die langfristigen Auswirkungen radioaktiver Strahlung weitgehend anekdotisch. Als die Nobelpreisträgerin Marie Curie 1934 an Leukämie starb, war der Zusammenhang mit ihren Forschungsarbeiten zur Radioaktivität alles andere als klar. Die härteste Evidenz bot noch der Fall von 18 Arbeiterinnen in New Jersey im Jahr 1925. Von der radiumhaltigen Farbe, mit der die Frauen hatten arbeiten müssen, war regelmäßig etwas in ihre Körper gelangt. Doch noch Anfang der 1950er Jahre galten Dosen, die nicht gerade akute Strahlenkrankheit hervorrufen, als unbedenklich. Der amerikanische Wissenschaftler und Luftwaffengeneral Ernest A. Pinson etwa flog während oberirdischer Kernwaffentests in Nevada mehrfach persönlich mit dem Flugzeug durch Atompilze hindurch. Empirisches Wissen um die Schädlichkeit von Strahlendosen ohne unmittelbare klinische Folgen wurde also nicht etwa verheimlicht -- es gab dieses Wissen nicht.

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