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233 Fachblätter vereint : Mediziner-Appell für entschlossenere Klimapolitik

Hitzewelle in Italien vor wenigen Wochen. Bild: dpa

International führende Medizin-Journale dringen mit einem gemeinsamen Editorial die Politik, sofort gegen die ökologische Großkrisen durchzugreifen. Erderhitzung und Artenschwund schadeten schon massiv unserer Gesundheit.

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          Die internationale Medizinforschung stellt sich vor den anstehenden UN-Gipfeln auf breiter Front in den Dienst des Klima- und Artenschutzes. 233 Herausgeber und Chefredakteure von Medizin-Journalen haben zeitgleich an diesem Montag ein gleichlautendes Editorial veröffentlicht, in dem sie im Namen der Gesundheitsbranche die Politik auffordern, den Klimanotstand ernst zu nehmen und ohne weiteren Zeitverlust zu handeln. Neben den britischen Flaggschiffen „Lancet“ und „British Medical Journal“ und führenden Fachblättern aus Afrika, Südamerika, Indien und China ist das führende klinische Publikationsorgan aus den USA,  „New England Journal of Medicine“, dabei. Deutsche Medizin-Journale sind nicht auf der Liste.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Mit einem Anstieg der weltweiten Temperatur über 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Ära und einem weiteren Verlust der Artenvielfalt riskieren wir katastrophale Gesundheitsschäden, die nicht rückgängig zu machen sind“, heißt es in dem Leitartikel. „Wir können nicht auf ein Ende der Covid-19-Pandemie warten, möglichst schnell die Emissionen zu reduzieren.“ Nicht zum ersten Mal setzt die Gesundheitsbranche ein Zeichen für eine avancierte Klimapolitik.

          Vor etwas mehr als einem Jahr unterzeichneten 40 Millionen Menschen aus der Gesundheitsbranche einen Brief, in dem sie die Regierungen aufforderten, bei der Bewältigung der Pandemie nachhaltigen Investitionen den Vorrang zu geben. In diesem Jahr übergaben zudem Teilnehmer der UN-Gesundheitsversammlung in Genf dem Chef der Weltgesundheitsorganisation einen Forderungskatalog, die Gesundheitsbehörden stärker mit Blick auf den Klimawandel und den Artenverlust zu fördern und sich für eine aktive Umweltpolitik einzusetzen. WHO-Generalsekretär Tedros Ghebreysus kommentierte das gemeinsame Editorial der Medizin-Journale mit Blick auf den jüngsten sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC: Jedes Zehntel Grad mehr an Temperatur gefährde die Gesundheit und die Zukunft, „die Risiken des Klimawandels könnten die einer jeden Krankheit in den Schatten stellen“. Die Pandemie werde enden, „gegen die Klimakrise gibt es dagegen keinen Impfstoff“.

          Klimawandel „wissenschaftlich eindeutig“

          Auch die Verantwortlichen der Medizin-Fachzeitschriften zitieren den IPCC: „Wissenschaftlich sei die Sache „eindeutig“, an der Realität des Klimawandels nicht mehr zu zweifeln. In den vergangenen zwanzig Jahren habe sich die Zahl der Hitzetoten bei den Über-65-Jährigen weltweit um fünfzig Prozent erhöht. Haupttodesursachen seien Dehydrierung und Nierenversagen, Hautkrebs, die Ausbreitung tropischer Infektionskrankheiten, psychische Leiden, Schwangerschaftskomplikationen und Herz-Kreislauf-, sowie Lungenkomplikationen.

          Hinzu kommen zunehmend Ernährungsprobleme in weiten Teilen der Welt, die sich den Gesundheitsexperten zufolge mit vermehrter Trockenheit und Schädlingsausbreitung weiter zuspitzten: Um 1,8 bis 5,6 Prozent hätten die Erträge bei den Hauptnahrungspflanzen seit 1981 abgenommen.  Das sei nicht nur ein Problem der Dritten Welt, heißt es in dem Editorial: „Kein Land, egal wie reich es ist, kann sich vor den Konsequenzen solcher Entwicklungen schützen.“

          Eine Absage erteilen die Medizin-Herausgeber den klimapolitischen Vorschlägen, ganz auf technische Lösungen zu setzen, und damit erst einmal ein Überschreiten des 1,5-Grad-Ziels in Kauf zu nehmen, um irgendwann mit den noch weitgehend unausgereiften Kohlendstoffentnahmetechniken – Carbon Capture and Storage und Geoengineering – Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entnehmen. Von den Regierungen erwarten sie zur Lösung der Klimakrise eine ähnlich große finanzielle Investitonsbereitschaft wie aktuell während der Covid-19-Pandemie.   

                 

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