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Mauersegler in Gefahr : Nur ein kleines Schlupfloch

Raum ist in der kleinsten Spalte für den Mauerseglernachwuchs. Bild: mauritius images

Am Himmel sind jetzt wieder die Mauersegler unterwegs. Doch am Boden haben sie zunehmend ein Problem: Der anhaltende Bauboom nimmt ihnen die Brutplätze.

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          Früher nannte man den Mauersegler auch Teufelsvogel. Sein schwarzes Gefieder, sein schrilles Geschrei und seine geheimnisvolle, plötzliche Rückkehr im Frühjahr wirkten auf die Menschen unheimlich. Wie aus dem Nichts tauchen die Zugvögel auch jetzt wieder am Himmel auf. Die Reise war weit und mühsam, die meisten sind direkt aus Afrika eingeflogen. Sie haben die Sahara überquert und das Mittelmeer, waren monatelang in der Luft, haben geschlafen und gegessen, ohne je den Boden zu berühren. Pünktlich zum Sommerhalbjahr kehrt der Mauersegler nach Deutschland zurück.

          Heute freuen sich die Menschen auf seine Ankunft. Denn sie bewundern seine Art, zu fliegen. Mauersegler (Apus apus) sind die Draufgänger unter den Vögeln. Wie Pfeile schießen sie durch Häuserschluchten, steigen Hunderte Meter empor, stürzen wie Kamikazeflieger Richtung Boden oder gleiten in der Abenddämmerung elegant über unsere Dächer. Sieht man sie einmal nicht, hört man immer noch ihr „Sriii-Sriii“.

          Die Wohnungsnot in den Städten bekommen auch die Vögel zu spüren

          Der Mauersegler ist dem Menschen in die Stadt gefolgt. Aber in seinen Augen ist die Stadt nichts anderes als ein kleines Gebirge. Er sieht in jedem Haus einen Felsen, einen möglichen Nistplatz, ein Zuhause. Mauersegler sind treue Untermieter. Wenn sie nach Monaten der Abwesenheit ihr altes Nest wiederfinden, vollführen sie wahre Flugspielchen und trillern in kurzen Abständen. Doch es gibt da ein Problem: Ihre Brutplätze finden die Mauersegler heute immer seltener. Viele Nester sind versperrt oder entfernt worden.

          „Die Situation für Gebäudebrüter wird immer schlimmer“, sagt Lorena Heilmaier vom Landesbund für Vogelschutz in München. Die Wohnungsnot in den Städten bekämen jetzt auch die Tiere zu spüren. In München sei es wohl am schlimmsten, sagt sie. Viele Häuser werden saniert, gedämmt, aufgestockt. In seiner Bauwut zerstört der Mensch die Lebensräume der Vögel, sei es aus Unwissenheit oder weil es ihm egal ist. „Viele wissen nicht, dass da jemand unter dem Dach wohnt“, sagt Heilmaier. Die Auswirkungen allerdings seien jetzt schon messbar: Europaweit nimmt die Population ab, berichten verschiedene Umweltverbände. In Bayern steht der Mauersegler sogar auf der Vorwarnliste.

          Anspruchslose Untermieter

          Dabei ist der Mauersegler gar nicht anspruchsvoll. Ihm genügt schon ein kleiner Mauerschlitz, ein Dachvorsprung oder ein Rollladenkasten, um sein Nest unterzubringen. In der Luft erreicht er zwar eine Spannweite von 35 Zentimetern, aber die Öffnung zu seinem Unterschlupf muss nicht größer als ein paar Zentimeter sein. Gerne haust er in Attiken oder in der unteren Ziegelreihe eines Schrägdaches. In den Zwischenräumen dahinter ist genug Platz, um ungestört den Nachwuchs aufzuziehen. Viel Nestmaterial verbaut er dabei nicht. Es reichen schon ein paar Halme und Federn, die er mit seinem Speichel verklebt. In China gelten die Nester einer verwandten Art wegen dieses Speichels als Delikatesse. Fälschlicherweise werden sie als Schwalbennester angeboten.

          Im Nest betreut der Mauersegler den Sommer über seine Jungen. Die Vögel sind Nesthocker. Einmal erwachsen, können sie locker zwanzig Jahre alt werden. Nach dem Schlüpfen bleiben sie etwa vierzig Tage im Nest, ehe sie flügge werden. Die Eltern sind permanent in der Luft, um Insekten zu jagen. Der Standort unter dem Dach kann den Jungvögeln in heißen Sommern zum Verhängnis werden. Während der Hitzewelle im Jahr 2015 stürzten viele in den Tod. Das Nest hatte sich unter dem Dach in einen Backofen verwandelt.

          Glasfassaden werden zu Todesfallen

          Es sind aber nicht nur Gebäudesanierungen, die den Mauerseglern das Leben schwermachen. In Neubauten finden die Vögel oft keine Einschlupflöcher. Schuld daran ist der moderne, durchgestylte Baustil mit glatten Fassaden und polierten Flachdächern. Die kubischen Zweckbauten bieten weder Hohlräume noch Dachvorsprünge. Es gibt keinen Stuck, keine Ziegel, keine Nische. Stattdessen Fassaden aus Glas, und damit potentielle Todesfallen für alle Vögel.

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