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Masern in Berlin : Riskantes Sparen an der Spritze

  • -Aktualisiert am

Impfbuch-Eintrag. Bild: dpa

Ein Masern-Ausbruch und politische Versäumnisse: Wie eine Dahlemer Initiative in Flüchtlingsnotunterkünften Lücken schließen will, die von der Politik sträflich übersehen werden.

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          In den Vereinigten Staaten geht die Angst vor den Masern wieder um. Aber nicht nur dort.  Ein Grund, warum das Virus wieder Fuß fassen kann, sind Impfgegner, die ihren Kindern den Schutz vorenthalten. Es kommt aber ein Weiteres hinzu: Staatliche Stellen schaffen es nicht, die zahlreichen Flüchtlinge, die derzeit in großer Zahl nach Deutschland kommen, ausreichend medizinisch zu versorgen. Bestes Beispiel ist die Flüchtlings-Notunterkunft, die kurz vor Weihnachten in einer Turnhalle der Freien Universität Berlin eingerichtet wurde. Rund zweihundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene leben dort seither eng nebeneinander.

          Erregend: Das Virus, das die Masern verursacht
          Erregend: Das Virus, das die Masern verursacht : Bild: dapd

          Die Flüchtlinge schlafen in Feldbetten, ohne Trennwände. Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt geben sich große Mühe, das Zusammenleben gut zu organisieren. Aber Mittel für Impfaktionen stehen nicht zur Verfügung. Längst ist in Berlin bekannt, dass in Flüchtlingsheimen leicht Masern-Epidemien entstehen, die Fälle häufen sich seit längerem.

          Masern-Epidemien drohen. Seit Beginn einer Ansteckungswelle im Oktober sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) allein in der Hauptstadt 375 Menschen erkrankt - über die Hälfte davon Erwachsene. Mehr als 100 Patienten kamen nach
          der Statistik des Landesamtes für Gesundheit und Soziales bisher ins
          Krankenhaus. Die Welle läuft weiter. Allein im Januar gab es 254 neue
          Masern-Fälle in Berlin. Und 90 Prozent der bisher befragten 335
          Patienten gaben an, nicht gegen Masern geimpft zu sein. 



          Ginge es nach den Zielen der Bundesregierung, dürfte es in Deutschland in diesem Jahr nicht mehr als 82 Masern-Erkrankungen
          geben - wohlgemerkt bundesweit. Denn auch die Bundesrepublik hat sich bei der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die hochansteckende Infektionskrankheit bis 2015 auszurotten.

          Wie schnell sich die Lage plötzlich zuspitzen kann, zeigt ein Berliner Fall: Die dort untergebrachten Flüchtlinge kommen vielfach aus ländlichen Regionen etwa in Afghanistan oder Syrien, in denen es nicht selbstverständlich ist, einen komplett abgearbeiteten Impfpass zu haben. Viele sind von der oftmals gefährlichen und langwierigen Flucht geschwächt und anfällig. Da sollte es in einem reichen Land wie Deutschland eigentlich selbstverständlich sein, dass die Flüchtlinge, vor allem Kinder, die durch eine Konvention der Vereinten Nationen besonderen Schutz genießen, umgehend einer Reihenuntersuchung unterzogen und mit dem fehlenden Impfschutz ausgestattet werden. Doch weit gefehlt. Erst nach einigen Wochen bekommen Flüchtlinge den „grünen Krankenschein“, der aber nur zur Behandlung in akuten Fällen und bei Schmerzen berechtigt. Dafür muss man sich endlos in einem überfüllten Amt anstellen, mit Ansteckungsgefahr. Konzertierte Impfaktionen, um Masern-Ausbrüchen vorzubeugen gibt es nicht.

          Masern-Impfung.
          Masern-Impfung. : Bild: dpa

          In Dahlem haben deshalb Mitte Januar Mitglieder der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde eine Impfaktion organisiert. Fünf Ärzte und ein Dutzend freiwillige Helfer schafften es, einen Großteil der Flüchtlinge zumindest gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Influenza zu impfen. 6000 Euro hat die Kirchengemeinde dafür dem Staat vorgestreckt. Wie sich herausstellte, hatte eine Frau in dem Lager just am Tag der Impfaktion die Masern bekommen, die Impfaktion verhinderte nach Auskunft der beteiligten Ärzte Schlimmeres. Ohne diese Privataktion wäre nichts passiert – mit potentiell schlimmen Folgen. Inzwischen stellt der Berliner Senat eine „zentrale Impfstelle“ in Aussicht. Falls diese dann so überlastet und unterbesetzt ist wie die zentrale Berliner Stelle für Tuberkulose-Diagnose, dann heißt auch das nichts Gutes. Das Robert-Koch-Institut hat sich bei der Dahlemer Initiative nun überschwänglich bedankt. Dort weiß man, wie gefährlich es ist, den Flüchtlingen aus Spargründen und zur Abschreckung eine ordentliche medizinische Erstversorgung zu verweigern.

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