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Psychiater-Gespräch : „Ein regelmäßiger Check der Psyche ist sinnvoll“

Harald Dreßing, Psychiater am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Bild: ZI Mannheim

Hätte man die Absichten des Kopiloten vorher erkennen können? Der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing ist skeptisch. Dennoch seien Psycho-Checks für Piloten sinnvoll.

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          Herr Dressing, kann ein Psychiater bei einem Depressionskranken die Absicht eines Suizids oder gar eines erweiterten Suizids erkennen?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Einschätzung des Suizidrisikos gehört zu jeder Therapie von Depressionen und dafür gibt es auch gängige Kriterien. Das Suizidrisiko kann sich aber auch rasch verändern, eine absolute Gewissheit gibt es nicht.

          Gibt es den erweiterten Suizid besondere Risikofaktoren?

          Der Begriff erweiterter Suizid legt nahe, dass wir es mit einer Depression zu tun haben, und dass der Kranke sich umbringen will, weil er so verzweifelt ist, und deshalb auch aus der Überzeugung heraus, seine Kinder könnte auch Unglück drohen, die Familie tötet um sie zu erlösen. Man kann allerdings aus der Abfolge der Tötungen und Selbsttötung oft nicht die wahren Motive ableiten. Es gibt ja auch Tötung aus einer Aggressivität heraus, und anschließend tötet der Mörder sich selbst, um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen. Allein die Zahl der Menschen, die mit in den Tod gerissen wurden, ist untypisch für einen erweiterten Suizid. Untypisch ist auch, dass es Menschen sind, die der Täter nicht kennt. Normalerweise geschieht das in der Familie oder in Beziehungen. Der Geschehensablauf erinnert daher auch an Vorgänge wie man sie  bei Amoktaten findet.

          Bleibt einem Therapeuten verborgen, wenn ein Patient Suizidabsichten mit sich herum trägt?

          Offenbar war ja der Risikofaktor Depression bekannt, und Depression ist tatsächlich der wichtigste Risikofaktor für Suizid. Wir verlieren im Verlauf einer lebenslangen Erkrankung etwa zehn Prozent der depressiven Patienten durch Suizid. Die Risikofaktoren werden erhoben, aber es gibt auch für den Psychiater keine absolute Gewissheit.

          Wie leicht ist eine akute depressive Episode vor dem Arzt zu verbergen?

          Als behandelnder Arzt können Sie immer nur einschätzen, was der Patient ihnen auch sagt. Und eine schwere Depression würde die Flugtauglichkeit sicher beeinträchtigen, das weiß auch der Betroffene.

          Es stellen Ärzte seit Jahren immer mehr Depressionsdiagnosen. Bedeutet das auch, dass man die Anzeichen einer Suizidabsicht heute besser erkennt?

          Es sind tatsächlich Fortschritte gemacht worden. Es gibt inzwischen große Präventionsprojekte, die auch Wirkung zeigen. Der Leipziger Psychiater Ulrich Hegerl hat mit einem solchen Präventionsprojekt im Raum Nürnberg-Erlangen beispielsweise gezeigt, dass man tatsächlich die Suizidrate verringern kann. Grundsätzlich ist eine Depression etwas anderes als eine Lebenskrise oder Stress, die jeder mal hat. Depressionen sind schwer wiegende Erkrankungen, die man in der akuten Phase auch in der Regel auch erkennen kann. Aber die Symptome fallen nach einer Heilung auch wieder weg.

          Könnten regelmäßige psychische Tests da mehr Sicherheit bringen?

          Wenn man die körperliche Gesundheit regelmäßig checkt ist es naheliegend, auch die seelische Gesundheit regelmäßig zu überprüfen.Dies sollte nicht nur mit psychologischen Tests geschehen sondern auch in Form eines von einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erhobenen psychopathologischen Befundes.

          Lassen sich Risikofaktoren auch mit molekularen Biomarkern im Blut oder mit Gentests etwa ermitteln, die seit ein paar Jahren immer intensiver erforscht werden?

          Von solchen objektiven, quantifizierbaren Parametern sind wir noch weit weg, von Biomarkern oder Gentests. Ausschließen kann man das aber nicht für die Zukunft. Was wir tun können ist, einen ordentlichen psychopathologischen Befund erheben.

          Wie lange dauert das?

          Zwei Stunden, bei umfangreichen Testprogrammen etwas länger.

          Sie halten also regelmäßige psychische Checks für Piloten für sinnvoll?

          Wenn man die körperliche Gesundheit ermittelt, wie das bei Piloten regelmäßig geschieht, sollte auch die Psyche gecheckt werden. Über die Eingangstests hinaus wäre sicher auch die regelmäßige Erhebung von psychopathologischen Befunden sinnvoll. So könnte man dann bei entsprechender Mitarbeit doch die Menschen erkennen, bei denen sich eine Krankheit anbahnt.

          Damit könnten freilich Depressionen, psychische Krankheiten generell, wieder stärker stigmatisiert werden. Wer als psychisch krank und möglicherweise sogar potentiell gewalttätig abgestempelt wird, geht eher ungern in eine Therapie.

          Wir müssen klar sehen, dass das, was wir da gesehen haben, völlig untypisch ist für eine Depression. Depressive Menschen sind normalerweise ungefährlich für andere Menschen, sie sind, wenn, dann eher eine Gefahr für sich. Und generell gilt: Wenn man sich früh in die Behandlung begibt, kann man eine Depression auch oft gut behandeln.
           

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