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„Die Debatte“: Geoengineering : Das Klima manipulieren?

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Aktuell gibt es zum Beispiel zu den SRM-Methoden noch keine Feldversuche. Erste CDR-Maßnahmen laufen in Pilotprojekten an. Das erschwert es den Forschern letztlich, Aussagen über die zu erwartenden Nebenwirkungen zu treffen. Diese könnten theoretisch von Überschwemmungen über Dürre bis hin zu einer langfristigen Schädigung des Ozonlochs reichen und zeitlich sowie geografisch unabhängig vom Einsatz der Technologien auftreten. „Wenn man die Technologien nur in kleinen Feldversuchen testet, entstehen zwar kaum Nebenwirkungen, aber die tatsächlichen Effekte auf das Klima lassen sich auch nicht feststellen”, sagt Ulrike Lohmann von der ETH Zürich, die vor allem an SRM-Technologien forscht. „In größeren Feldexperimenten wäre der Effekt eher sichtbar, aber diese könnten auch zu unerwünschten Nebenwirkungen führen”. Auch sie wirbt dafür, mögliche Technologien zwar in der Grundlagenforschung weiterzuentwickeln, um Wissen zu sammeln, sie aber nicht zu sehr in den Vordergrund zu heben, wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen. Es sei keine gute Idee so zu tun, als ob der technologische Wandel den nötigen sozialen Wandel ersetzen kann.

Ingenieur Fabian Moeller vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam kontrolliert am  30. Juni 2008 auf einem Testgelaende bei Ketzin westlich von Potsdam den Druck in mit Kohlendioxid gefüllten Gasbehaeltern für die unterirdische CO2-Speicherung.

Gerade aufgrund der erwartbaren und unerwarteten Nebenfolgen, die SRM-Technologien haben könnten, schätzt Armin Grunwald derzeit das Entwicklungspotenzial für CDR-Technologien höher ein. „Die Forschungen in diesem Bereich sind auf einem guten Weg, sie beeinflussen allerdings langfristige Prozesse, die einem im klimapolitischen Notfall nicht viel bringen.” Eine Meinung, die viele Experten teilen und die sich auch im Bericht des IPCC widerspiegelt.

Eine Technologie, die derzeit als besonders vielversprechend gilt, ist das sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS). Gemeint sind damit Verfahren, bei denen entstehendes Kohlendioxid abgeschieden und unterirdisch gelagert wird, ohne das es in die Atmosphäre gelangen kann. Bereits 2009 diskutierte der Bundestag eine mögliche Anwendung der Technologie für das bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen entstehendes Kohlendioxid, doch CCS wurde damals mehrheitlich als zu risikoreich abgelehnt. Insbesondere für die aktuell diskutierten CDR-Technologien erlebt CCS jedoch momentan eine Renaissance, da es mit solchen Ansätzen kombiniert werden kann, die das Treibhausgas aus der Luft filtern, aber über keine eigene Speicherkapazitäten verfügen.

Experten fordern Neubewertung

Viele Experten fordern daher eine Neubewertung der Lage und sehen CCS nicht als klassische Methode des Geoengineerings. „Wenn wir tatsächlich das Paris-Abkommen erfüllen wollen, werden wir um den moderaten Einsatz von CCS wohl kaum herumkommen“, sagt die Physikerin Jessica Strefler, die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu CDR-Methoden forscht. „Ich finde es wichtig, dass wir die Diskussion um CCS daher noch einmal aufgreifen. Denn wir sollten eine ehrliche Debatte darüber führen, dass nicht nur die Anwendung der Technologien, sondern auch die Nicht-Anwendung erhebliche Risiken für unser Klima haben kann.”

Zumindest, sofern man von großskaligen Technologien spricht – sowohl mit Wirkungen als auch potentiellen Nebenwirkungen für den gesamten Planeten – , gilt es zudem noch einen weiteren Parameter zu beachten. „In dem Moment, wo man über globale Technologien wie das Geoengineering nachdenkt, bräuchte es auch entsprechende politischen Strukturen, um solche Entscheidungen überhaupt treffen zu können”, sagt Stefan Schäfer, Forschungsgruppenleiter am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam. „Und diese sehe ich weder momentan, noch in den kommenden Jahren”. Ein weiterer Grund, weshalb Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen vor zu großer Euphorie in der öffentlichen Kommunikation über Geoengineering warnen. Entscheidender ist für die meisten, jetzt zu beginnen, unser Verhalten auf diesem Planeten radikal zu ändern.

Das Projekt „Die Debatte“

„Die Debatte“ (www.die-debatte.org) ist ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany (SMC) sowie der TU Braunschweig. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit ihrer Online-Plattform FAZ.NET unterstützt das Projekt als Medienpartner. „Die Debatte“ bietet in unterschiedlichen Abständen zu aktuellen Themen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft verständliche Informationen. Mit kurzen Hintergrundtexten, Infografiken, Interviews und Videos macht „Die Debatte“ wissenschaftliche Erkenntnisse verfügbar und unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gespräche mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben einen tieferen Einblick in die jeweilige aktuelle Forschung. Besonders spannend sind die Live-Debatten. Dabei diskutieren Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft live über wissenschaftliche Fakten und wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind eingeladen – vor Ort oder im Livestream.

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