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Studien zum Klimaeinfluss : Macht das Coronavirus bald Sommerpause?

Die Kirschblüte kündet stellenweise vom Frühling. Kann der Wetterumschwung helfen im Kampf gegen steigende Infektionszahlen? Bild: EPA

Die Hoffnung, dass die Pandemie in der warmen Jahreszeit wenigstens eine Pause einlegt, ist weit verbreitet. Taucht das neue Virus also wie die Influenza-Erreger unter, weil es zu warm und zu feucht ist? Aktuelle Studien lassen wenigstens zum Teil hoffen.

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          Es wäre ein wunderschönes Szenario: Der Frühling kommt, es wird warm, und der ganze Corona-Spuk ebbt ab wie eine ganz normale Grippewelle. Nicht nur der amerikanische Präsident hat diese Hoffnung mehrfach geäußert, die Frage nach einer möglichen Klimaabhängigkeit der Verbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 treibt derzeit viele um – wenngleich, um dies vorwegzunehmen, die Anzeichen für dieses Szenario nicht sehr aussichtsreich erscheinen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Hoffnung selbst ist aber keineswegs weit hergeholt. Viele Infektionskrankheiten zeigen saisonale Muster, wie die Infektionsforscherin Micaela Martinez 2018 in einer Studie in der Zeitschrift „PLOS Pathogens“ demonstrierte. Es gibt Krankheiten wie Influenza, die im Winter ihren Höhepunkt erreichen, und Krankheiten wie Hepatitis A, bei der die meisten Fälle im Sommer auftreten. Die Ursache für diese Saisonalität – technisch: die Oszillation der effektiven Reproduktionszahl des Pathogens – zu identifizieren ist allerdings nicht einfach. Verschiedene Faktoren können dieser Variabilität zugrunde liegen, nicht nur der einer jahreszeitlichen Veränderung von Umweltvariablen wie Temperatur oder Trockenheit, mit denen ein Virus besser oder schlechter umgehen kann.

          Schließlich ändert sich auch unser menschliches Verhalten deutlich im Laufe der Jahreszeiten, Menschen versammeln sich im Winter bevorzugt in Innenräumen, auch die Terminierung von Schulzeiten hat einen Effekt bei der Verbreitung von Viren, die von Kindern übertragen werden, wie Erkältungswellen zeigen. Doch auch die Anfälligkeit Einzelner für eine Infektion könnte sich im Laufe des Jahres ändern: Forscher nehmen an, dass unser Immunsystem gemäß einer jahreszeitlich variablen Ausschüttung von Melatonin oder auch angesichts schwankender Niveaus von Vitamin D unterschiedlich robust ist.

          Wenn nun die Frage beantwortet werden soll, wie die Saisonalität von Sars-CoV-2 einzuschätzen ist, muss diese Überlagerung verschiedener Faktoren berücksichtigt werden. Wie schwierig das konkret ist, zeigt eine amerikanische Studie von Wissenschaftlern um Mohammad Sajadi, in der die klimatischen Bedingungen in den von Covid-19 besonders betroffenen Gebieten verglichen werden. Ihre These: Das Virus verbreitet sich insbesondere dort, wo die mittlere Temperatur zwischen 5 und 11 Grad Celsius und die relative Luftfeuchtigkeit bei 47 bis 79 Prozent liegt. Diese Analyse berücksichtigt aber weder die täglichen Maximaltemperaturen noch Eindämmungsmaßnahmen, noch Spezifika des Virus selbst.

          Dass die gefundene Korrelation aussagekräftig ist, mag daher bezweifelt werden, wie selbst die Autoren einräumen: „Auch wenn die Korrelationen mit Temperatur und geographischer Breite stark erscheinen, wurde eine direkte Verursachung nicht erwiesen.“ Tatsächlich findet eine weitere Studie von Forschern um Wei Luo von der Harvard Medical School bei einer Untersuchung der Covid-19-Fälle in den verschiedenen Klimazonen Chinas keine Hinweise darauf, dass das Klima einen starken Einfluss auf die Verbreitung des Virus hat.

          Die Überlebensfähigkeit eines Virus außerhalb des Wirtskörpers hängt nicht zuletzt vom Aufbau des Virus ab. Das Genom befindet sich bei einigen Viren nicht nur in einer Protein-Struktur, dem Kapsid, sondern außerdem noch in einer Lipidhülle. Diese fetthaltige Hülle macht Viren anfälliger für ungünstige Umweltbedingungen – beispielsweise ruft dies die Vorliebe von Grippeviren für kalte und trockene Luft hervor. Sars-CoV-2 besitzt ebenfalls eine Hülle, und tatsächlich ist Saisonalität auch von anderen Coronaviren bekannt, wie eine schwedisch-schweizerische Studie hervorhebt.

          Neue Viren sind anders

          Doch auch in dieser Arbeit ist das Fazit, dass eine mögliche Saisonalität des Virus nicht ausreichen wird, ohne zusätzliche Maßnahmen seine Ausbreitung zu verhindern. Der Grund ist, dass dem neuartigen Virus derzeit so viele potentielle Wirte zur Verfügung stehen, dass die Wirkung des Klimas für seine Verbreitung keine genügend große Relevanz besitzt.

          Dies wird erst anders sein, sobald viele Menschen Immunität gegen Sars-CoV-2 aufgebaut haben. „Viren, die schon eine Weile kursieren, können sich nur verbreiten, wenn die Bedingungen am günstigsten sind, in diesem Fall im Winter“, schreibt der Epidemiologe Marc Lipsitch in seinem Blog. Neue Viren könnten sich im Gegensatz dazu auch außerhalb ihrer eigentlichen Saison verbreiten. Anders als bei der Grippe wird der Frühling die Covid-19-Epidemie also vorerst nicht aufhalten können.

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