https://www.faz.net/aktuell/wissen/long-covid-fuehrt-zu-langen-krankschreibungen-laut-studie-18153443.html

Krankenkassen-Studie : Long Covid führt zu langen Krankschreibungen

Der positive Covid-Test ist bei nicht wenigen nur der Anfang einer langen Leidensstrecke. Bild: Reuters

Aufgrund der Spätfolgen von Corona-Erkrankungen können Arbeitnehmer ihrer Beschäftigung teilweise über lange Zeiträume nicht nachgehen – das ergibt eine Studie der Techniker-Kasse.

          3 Min.

          Nicht nur Todesfälle, sondern auch langanhaltende Gesundheitsbeeinträchtigungen sind eine ernste Konsequenz der Corona-Pandemie. Die Techniker-Krankenkasse (TK) stellte am heutigen Mittwoch Auswertungen von Daten ihrer erwerbstätigen Versicherten vor, die im Jahr 2020 positiv getestet wurden. Demnach kann „Long Covid“, also die Krankheit nach der akuten Infektion, häufig zu längerfristigen Krankschreibungen führen. Schon leichte Infektionen führten im Folgejahr laut TK zu durchschnittlich 90 Fehltagen. Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, waren im Mittel 168 Tage krankgeschrieben, beatmungspflichtige Patienten sogar 190 Tage. Im Durchschnitt über alle Patientengruppen waren es 105 Tage.

          Hinnerk Feldwisch-Drentrup
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Bei Versicherten mit einer Corona-Infektion im Jahr 2020 gab es laut der Daten, die im TK-Gesundheitsreport zusammengefasst sind, ein Risiko von knapp einem Prozent für eine Krankschreibung im Folgejahr. Dies erscheine vielleicht als ein geringer Anteil, sagt TK-Chef Jens Baas. „Aber das sind nur die Patientinnen und Patienten, die auch mit dieser konkreten Diagnose krankgeschrieben worden sind – wir gehen zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Häufig wird laut TK auch nicht der Diagnoseschlüssel für Post-Covid genutzt, wie das Syndrom ab einer Dauer von drei Monaten genannt wird. Diesen gebe es ohnehin erst seit November 2020.

          Jeder achte Versicherte wegen Corona krankgeschrieben

          Während es 2021 aufgrund einer geringeren Krankheitslast durch sonstige Infektionskrankheiten einen „relativ günstigen Krankenstand“ gab, wie Thomas Grobe vom aQua-Institut bei der Vorstellung des Berichts sagte, sei jede achte bei der TK-versicherte Erwerbsperson aufgrund einer Corona-Erkrankung krankgeschrieben gewesen. In Summe waren es rund 1,3 Millionen Fehltage. Aber auch diese Zahlen basieren ausschließlich auf nachgewiesenen Arbeitsunfähigkeiten. Laut Schätzungen für 2021 könnte es 10 Millionen Fehltage gegeben haben, die durch Corona-Infektionen verursacht wurden, sagt Grobe.

          Viele Menschen mit Long-Covid-Symptomen wie etwa starker Müdigkeit ließen sich laut TK gar nicht krankschreiben. Ohnehin seien die Symptome vielfältig: Sie reichten von verminderter Belastbarkeit und extremer Fatigue über Atemnot und Kopfschmerzen bis hin zu Muskel- und Gliederschmerzen.

          „Long Covid kann das Leben der Betroffenen massiv einschränken“, erklärte der Berliner Lungenfacharzt Christian Gogoll bei der Vorstellung des Berichts – er ist selbst hiervon betroffen. „Atemnot, Erschöpfung, Nervenschmerzen, die kleinste Tätigkeit führt im Alltag zur Belastung.“ Anfangs habe er es aufgrund von Luftnot nicht geschafft, in den ersten Stock zu gehen. Kollegen hätten ihm dies nicht geglaubt. Inzwischen gehe es ihm besser, aber die normale Sprechstundenarbeit sei immer noch eine Herausforderung.

          Gewaltiger Forschungsbedarf

          Gogoll empfiehlt Patienten, sich klar zu machen, dass sie eine schwere Virusinfektion hatten – und ihren Hausarzt als Ansprechpartner aufzusuchen. „Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten gibt es bisher nicht“, sagt er. Studien befänden sich noch in den Startlöchern, der Forschungsbedarf sei „natürlich gewaltig“. Einige Patienten erhofften sich Antikörpertherapien oder andere spezifische Therapieverfahren, die es bislang nicht gibt, sagt Gogoll. „Davon sind wir weit entfernt.“ Auch gebe es in Bezug auf die lungenfachärztliche sowie psychotherapeutische Behandlung einen langen Therapiestau.

          Da für den Report nur Daten von Menschen analysiert werden konnten, die 2020 erkrankt sind, ist laut TK-Chef Jens Baas noch nicht abzusehen, „was da gegebenenfalls noch auf uns zukommt“. „Die allgemeine Datenqualität im deutschen Gesundheitswesen ist verheerend schlecht“, sagt Baas. Diagnosedaten lägen Kassen erst rund neun Monate nach ihrer Erstellung vor.

          Einige Studien sollen in nächster Zeit die Auswirkungen von Long Covid im Land untersuchen. Wie das sächsische Forschungsministerium am gestrigen Dienstag bekannt gab, hat das Bundesland rund 2,5 Millionen Euro für eine Studie an der Universität Leipzig bereitgestellt, die langfristige Effekte der Infektion erforschen soll. Hierbei bauen die Forscher auf Daten einer früheren Studie auf, um die Gesundheit von Covid-19-Erkrankten mit der von Menschen ohne Infektion zu vergleichen – sie können dabei auch auf umfangreiche Gehirnuntersuchungen zurückgreifen. „Sachsen ist von der Covid-19-Epidemie in besonderem Maße betroffen“, erklärt das Ministerium: Einer von 250 Bürgern in Sachsen sei an oder mit Corona verstorben. „Die Erforschung der Long-Covid-Erkrankung steht am Anfang“, erklärt Markus Löffler, Leiter des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig.

          Weitere Themen

          Die Sommerwelle flacht ab

          Corona : Die Sommerwelle flacht ab

          Es stecken sich weniger Menschen mit dem Virus an, auch werden insgesamt weniger krank. Doch Entwarnung will das Robert-Koch-Institut nicht geben – auch weil die Zahl der Ausbrüche in Pflegeheimen weiter zunimmt.

          Topmeldungen

          Donald Trump – hier unter der Woche vor dem Trump Tower in New York – hat die Opferrolle einstudiert.

          Geheime Dokumente : Trump steht nicht über dem Gesetz

          74 Millionen Amerikaner hielten Trump 2020 die Treue. Bidens Staatsanwälte werden die wenigsten von ihnen umstimmen – im Gegenteil. Doch darauf darf die Justiz keine Rücksicht nehmen.
          Auf der Oder: In Widuchowa (Polen) wird der Fluss mithilfe eines flexiblen Damms von toten Fischen gereinigt.

          Fischsterben in der Oder : Warnung vor dem Wasser

          Feuerwehrleute, Polizisten und Freiwillige haben zuletzt tonnenweise tote Fische aus der Oder geholt. Bundesumweltministerin zeigt sich „sehr betroffen“ – und plant noch am Abend ein Treffen mit ihrer polnischen Amtskollegin.
          Schwaches Bild von sich selbst: Wer unter dem Impostor-Syndrom leidet, traut seiner eigenen Berufsbiographie nicht über den Weg.

          Impostor-Syndrom : Wenn man sich niemals gut genug fühlt

          Ein geringes Selbstwertgefühl kann im Beruf dazu führen, dass Hochqualifizierte denken, ihre Stellung gar nicht verdient zu haben. Das Phänomen hat einen Namen: Impostor-Syndrom. Doch was können Betroffene dagegen unternehmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.