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Lichtmangel : Im Schattental von Rattenberg

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Österreichs kleinste Stadt dringt drei Monate im Jahr kein einziger Sonnenstrahl. Schön ist das nicht, finden die Bürger. Aber man könnte es ändern.

          4 Min.

          Eigentlich sollten die knapp fünfhundert Bürger von Rattenberg zufrieden sein. Immerhin haben sie seit 1393 das Stadtrecht, ihr Ort hält mit einer Fläche von gut einem zehntel Quadratkilometer den Rekord der kleinsten Stadt Österreichs, und die historische Innenstadt lockt viele Besucher in die Siedlung am Ufer des Inn, auf halber Strecke zwischen Kufstein und Innsbruck.

          Doch in einer Umfrage zur Lebensqualität gaben die Einwohner ihrem Ort nur durchwachsene Noten. Gerade im Winter wird die Stimmung bei vielen düster. Denn so malerisch die Lage Rattenbergs zwischen Inn und Gebirge auch sein mag: Von November bis Februar dringt kein einziger Sonnenstrahl über den südlich gelegenen Maria-Hilf-Berg in die Stadt. Im winterlichen Dämmerlicht leiden die Bewohner unter dem saisonbedingten Blues, zumal wenn sie die Sonne auf die am anderen Innufer gelegenen Häuser ihrer Nachbarn in Kramsach scheinen sehen.

          Das Sonnenlicht einfangen

          Den Rattenbergern geht es nicht anders als vielen Bewohnern enger Bergtäler und verbauter Innenstädte. Doch ihr Ort könnte der erste sein, der sich mit moderner Technologie holt, was die Natur ihm vorenthält. Wie einst die Bürger von Schilda wollen die Rattenberger das Sonnenlicht einfangen. Nur ihre Methoden unterscheiden sich sehr von den Besen und Säcken, mit denen die Pioniere des Lichttransports einst ihr fensterloses Rathaus erhellen wollten.

          Häufig etwas düster: Die historische Innenstadt von Rattenberg

          Gewaltige Spiegel sollen das Sonnenlicht nach Rattenberg reflektieren. Die Pläne liegen in den Schubladen von Christian Bartenbach, dessen Ingenieurbüro in Aldrans bei Innsbruck sich seit 1976 mit Licht- und Beleuchtungstechnik beschäftigt. Egal, ob in der Moschee von Medina oder in der Bayerischen Staatskanzlei, stets versucht der Lichtplaner, möglichst ohne Kunstlicht auszukommen und Tageslicht zu nutzen. "Was die spektralen Eigenschaften angeht, kann man Tageslicht auch künstlich imitieren. Aber dieses Licht ist völlig statisch. Was fehlt, ist die Dynamik der Sonne, die völlig unterschiedlichen Lichteindrücke, die je nach Sonnenstand und Bewölkung entstehen", sagt der einundsiebzigjährige Seniorchef. Deshalb lasse sich das Problem der Rattenberger auch nicht mit Kunstlicht lösen, ganz abgesehen von den horrenden Energiekosten für eine Ganztags-Flutlichtbeleuchtung.

          Bisher nur ein Modell

          Also sollen die kostenlosen Strahlen der Sonne umgeleitet werden. Das Prinzip ist simpel: Die im Winter tiefstehende Sonne scheint zwar nicht in Rattenberg, aber auf das andere Innufer. Dort, dreieinhalb Kilometer von der Stadt entfernt, wollen Bartenbach und seine Kollegen mehrere große Heliostaten aufbauen, bewegliche Spiegel, die sich computergesteuert dem Stand der Sonne anpassen und ihr Licht stets auf einen fast beliebig einstellbaren Punkt reflektieren.

          Damit ließe sich schon einmal die innseitige Häuserfront Rattenbergs erhellen. Doch um Licht auch in die Innenstadt zu bringen, bedarf es weiterer Spiegelelemente. Die sollen auf einem Absatz des schattenwerfenden Berges Platz finden. Für die Verteilung in den Gassen sind kleinere Spiegel auf den Hausdächern vorgesehen.

          Soweit jedenfalls die Theorie. Doch vorerst existiert das illuminierte Rattenberg nur im Maßstab 1:200 unter dem künstlichen Himmel im Keller von Bartenbachs Lichtlabor. Mit Hilfe einer Kuppel aus fünfhundert 150-Watt-Scheinwerfern lassen sich dort die Lichtverhältnisse jedes beliebigen Ortes auf der Welt zu jeder beliebigen Zeit simulieren. Wie im echten Himmelszelt strahlt das diffuse Licht aus dem Zenit stärker als in der Nähe des Horizonts. Die Rolle der Sonne übernimmt eine überdimensionierte Zahnarztlampe, deren Hohlspiegel die Strahlen wie die der Sonne parallel ausrichtet. Das Licht bleibt an einer Bergsilhouette aus Pappe hängen, die das detailgenaue Papier-Rattenberg beschattet. Das Modell, komplett mit Mini-Spiegeln ausgerüstet, zeigt den an diesem Tag mit zwei Bussen zum Besichtigungstermin herangekarrten Rattenbergern, wie ihre Stadt künftig Wintersonne genießen könnte.

          Kein Grund für übermäßige Erwartungen

          Das Modell dämpft auch übergroße Erwartungen: Die Reflexionen hüllen nicht die gesamte Stadt in strahlendes Licht, sondern werfen kleinere Lichtflecken auf einige Stellen an Häusern und Bürgersteigen. "Das ist einfach eine Frage des technischen Aufwands, den man treiben kann und will", meint Lichtlabor-Geschäftsführer Markus Peskoller. Mit seinem Vorschlag will er einen guten Kompromiß gefunden haben.

          Die Miniaturgerüste, an denen die Umlenkspiegel befestigt sind, rufen bei einer Bürgerin Widerspruch hervor: "Die stehen ja direkt vor der Burgruine! Und die Spiegel im Tal stehen ja auf dem Gelände vom Doktor Müller!" Einwände, die Peskoller zu entkräften sucht: "Wo genau die Spiegel stehen würden, ist noch völlig offen. Wir sind da flexibel und können uns den Wünschen der Anwohner anpassen." Auch den Einwand, die gespiegelte Sonne könne die Menschen blenden, läßt er nicht gelten. "Natürlich blendet das, wenn man direkt in die Lichtquelle schaut, aber das ist bei der Sonne nicht anders und gehört zu den ganz normalen Sehgewohnheiten." Die Mehrheit der angereisten Rattenberger scheint jedenfalls vom Modell überzeugt, ebenso wie der Stadtrat - der bereits einen Antrag auf EU-Fördergelder gestellt hat.

          Sonnenturmkraftwerk als Vorbild

          Bei der Frage nach den Kosten hält sich Bartenbach zurück. Je nach Größe lägen die "zwischen denen eines Neuwagens und jenen für ein Mehrfamilienhaus". Der technische Aufwand ist überschaubar. Am stärksten schlagen die Heliostatenspiegel zu Buche, die auf Sekunden genau dem Sonnenstand folgen müssen. Doch die Uhrwerke früherer Zeiten sind längst einer Steuerung per Computer gewichen. So steht in der spanischen Provinz Almeria seit etlichen Jahren das Sonnenturmkraftwerk eines spanisch-deutschen Forschungsverbundes, in dem 300 Heliostaten das Licht der Sonne auf einen sogenannten Receiver fokussieren, der über dem Spiegelfeld an einem Betonturm angebracht ist. Die dort entstehende extreme Hitze erzeugt Wasserdampf, der wiederum eine Turbine antreibt.

          Auch für die Beleuchtung von Innenräumen werden bereits Spiegelsysteme eingesetzt, etwa am Sitz von Bartenbachs Firma in Aldrans. Dort lenkt ein Heliostat das Sonnenlicht über einen zweiten, feststehenden Spiegel in ein Lichtrohr, das innen mit Aluminium beschichtet ist. Ähnlich wie in einem Glasfaserkabel leitet das Rohr das Sonnenlicht bis in ein fensterloses Besprechungszimmer im Keller. Am Ende verteilen Glasprismen das Licht nach Wunsch im Raum - wenn denn die Sonne scheint. An diesem typischen Tag im Sommer 2004 demonstriert der Kellerraum den Rattenbergern denn auch die wichtigste Grenze der Heliostatentechnik: An bewölkten Regentagen wie diesem gibt es nichts zu spiegeln. Doch das ficht Bartenbach nicht an: "Das macht doch gerade den dynamischen Eindruck von Tageslicht aus, daß es in andauerndem Wandel begriffen ist." Und dazu gehöre eben auch, daß die Sonne mal hinter den Wolken verschwindet.

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