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Lichtmangel : Im Schattental von Rattenberg

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Österreichs kleinste Stadt dringt drei Monate im Jahr kein einziger Sonnenstrahl. Schön ist das nicht, finden die Bürger. Aber man könnte es ändern.

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          Eigentlich sollten die knapp fünfhundert Bürger von Rattenberg zufrieden sein. Immerhin haben sie seit 1393 das Stadtrecht, ihr Ort hält mit einer Fläche von gut einem zehntel Quadratkilometer den Rekord der kleinsten Stadt Österreichs, und die historische Innenstadt lockt viele Besucher in die Siedlung am Ufer des Inn, auf halber Strecke zwischen Kufstein und Innsbruck.

          Doch in einer Umfrage zur Lebensqualität gaben die Einwohner ihrem Ort nur durchwachsene Noten. Gerade im Winter wird die Stimmung bei vielen düster. Denn so malerisch die Lage Rattenbergs zwischen Inn und Gebirge auch sein mag: Von November bis Februar dringt kein einziger Sonnenstrahl über den südlich gelegenen Maria-Hilf-Berg in die Stadt. Im winterlichen Dämmerlicht leiden die Bewohner unter dem saisonbedingten Blues, zumal wenn sie die Sonne auf die am anderen Innufer gelegenen Häuser ihrer Nachbarn in Kramsach scheinen sehen.

          Das Sonnenlicht einfangen

          Den Rattenbergern geht es nicht anders als vielen Bewohnern enger Bergtäler und verbauter Innenstädte. Doch ihr Ort könnte der erste sein, der sich mit moderner Technologie holt, was die Natur ihm vorenthält. Wie einst die Bürger von Schilda wollen die Rattenberger das Sonnenlicht einfangen. Nur ihre Methoden unterscheiden sich sehr von den Besen und Säcken, mit denen die Pioniere des Lichttransports einst ihr fensterloses Rathaus erhellen wollten.

          Häufig etwas düster: Die historische Innenstadt von Rattenberg

          Gewaltige Spiegel sollen das Sonnenlicht nach Rattenberg reflektieren. Die Pläne liegen in den Schubladen von Christian Bartenbach, dessen Ingenieurbüro in Aldrans bei Innsbruck sich seit 1976 mit Licht- und Beleuchtungstechnik beschäftigt. Egal, ob in der Moschee von Medina oder in der Bayerischen Staatskanzlei, stets versucht der Lichtplaner, möglichst ohne Kunstlicht auszukommen und Tageslicht zu nutzen. "Was die spektralen Eigenschaften angeht, kann man Tageslicht auch künstlich imitieren. Aber dieses Licht ist völlig statisch. Was fehlt, ist die Dynamik der Sonne, die völlig unterschiedlichen Lichteindrücke, die je nach Sonnenstand und Bewölkung entstehen", sagt der einundsiebzigjährige Seniorchef. Deshalb lasse sich das Problem der Rattenberger auch nicht mit Kunstlicht lösen, ganz abgesehen von den horrenden Energiekosten für eine Ganztags-Flutlichtbeleuchtung.

          Bisher nur ein Modell

          Also sollen die kostenlosen Strahlen der Sonne umgeleitet werden. Das Prinzip ist simpel: Die im Winter tiefstehende Sonne scheint zwar nicht in Rattenberg, aber auf das andere Innufer. Dort, dreieinhalb Kilometer von der Stadt entfernt, wollen Bartenbach und seine Kollegen mehrere große Heliostaten aufbauen, bewegliche Spiegel, die sich computergesteuert dem Stand der Sonne anpassen und ihr Licht stets auf einen fast beliebig einstellbaren Punkt reflektieren.

          Damit ließe sich schon einmal die innseitige Häuserfront Rattenbergs erhellen. Doch um Licht auch in die Innenstadt zu bringen, bedarf es weiterer Spiegelelemente. Die sollen auf einem Absatz des schattenwerfenden Berges Platz finden. Für die Verteilung in den Gassen sind kleinere Spiegel auf den Hausdächern vorgesehen.

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