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Herbst-Appell : Leopoldina fordert „bundesweit verbindliche“ Corona-Politik

Änderung in der Corona-Teststrategie: die Leopoldina verlangt für den Herbst und Winter mehr Schnelltests. Bild: dpa

Kein Lockdown, dafür Schnelltests zulassen, bundesweit Maßnahmen härter durchsetzen und die Wirtschaft schützen – die Nationalakademie Leopoldina hat eine neue Stellungnahme veröffentlicht und fordert neue „Eskalationsstufen“.

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          Regelrecht alarmiert scheinen sie noch nicht von den rapide steigenden Infektionszahlen in den europäischen Nachbarländern, und doch fordert die Nationalakademie Leopoldina von Bund und Ländern, aber auch von jedem einzelnen Bürger, in ihrer sechsten Adhoc-Stellungnahme rasch die Schutzmaßnahmen auf eine „mögliche angespannte Situation“ auszurichten. Heißt: Die Politik müsse jetzt dringend für „bundesweit verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln“ sorgen und diese auch konsequenter als bisher umsetzen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für den Herbst und Winter rechnen die 26 Wissenschaftler in der Corona-Arbeitsgruppe der Leopoldina, die aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen kommen, mit einer Entwicklung der Pandemie, die sie mit der bisherigen unkoordinierten Corona-Politik der Länder offenbar für kaum mehr kontrollierbar – und vermittelbar – hält. Die Kritik wird in dem zwölfseitigen Papier zwar vorsichtig formuliert und ist in einen Vier-Punkte-Forderungskatalog eingepackt. Aber sie ist dennoch deutlich. Damit stützt sie im Prinzip eine Initiative von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der seit Anfang der Woche für weitergehende Maßnahmen zum Schutz gegen eine weitere Ausbreitung des Pandemie-Virus wirbt und dabei insbesondere auf die Schwierigkeiten hinweist, die das in der kalten Jahreszeit veränderte Verhalten der Menschen mit sich bringt. Auch die Leopoldina warnt: „Mit der beginnenden Erkältungs- und Influenzasaison wird das Gesundheitssystem stärker beansprucht; zudem wird sich häufiger das Problem stellen, Infektionen mit Sars-CoV-2 von symptomähnlichen Erkrankungen zu unterscheiden.“

          Von der Politik fordert sie, umgehend „Eskalationsstufen für Schutzmaßnahmen“ zu definieren. Was genau damit gemeint ist, lassen die Wissenschaftler offen, im Prinzip geht es aber darum, Schwellenwerte festzulegen, die von vorne herein je nach regionalem Infektionsgeschehen jeweils schärfere, einheitlich festgelegte Schutzmaßnahmen vorsehen. Diese Schwellenwerte sollten aber auch „regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst“ werden können. Die Wissenschaftler wollen damit offenbar deutlich machen, dass die Politik die Verantwortung trägt und nicht etwa die Experten, wenn es um die konkreten Maßnahmen geht. Die Leopoldina plädiert also im Prinzip für regionale Eingriffe, wie das in der Politik inzwischen schon nahezu Konsens und auch Corona-Alltag geworden ist. Einen nationalen Lockdown oder einen solchen auf Landesebenen, wie es ihn zu Anfang der Pandemie gegeben hat, erwähnen die Leopoldina-Experten nicht einmal. Vielmehr wird von Anfang an betont, dass man von der Politik erwarte, trotz der zu erwarteten angespannten Pandemie-Situation „das öffentliche und wirtschaftliche Leben in den kommenden Monaten so weit wie möglich aufrechtzuerhalten“.

          Damit das zu erreichen ist, schlägt die Nationalakademie vier Änderungen vor: Einer der zentralen Punkte ist dabei die Einhaltung der „Aha-Regeln“ (Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske) und regelmäßigem Luftaustausch in Innenräumen. Dazu gehört auch unter Umständen, kurzfristig (mobile) Hochleistungsfilter einzurichten, wo schlecht gelüftet werden kann. Mund- und Nasenschutz müssten im Herbst und Winter in allen Innenräumen verbindlich getragen werden, wobei darauf zu achten sei, dass „bei allen Schutzmaßnahmen „differenzierter als bislang die Rechte Betroffener, beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, zu wahren und ihre sozialen Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen“ seien.

          Die zweite gewünschte Veränderung in der Corona-Strategie betrifft das Testen und den Umgang mit möglicherweise Infizierten. Grundsätzlich soll mehr und gezielter getestet werden, je nachdem, wie stark sich das Infektionsrisiko für die jeweilige Bevölkerung ändert. Wahllos mehr PCR-Virentests vorzunehmen, etwa an Autobahnen oder ohne Anlass, ist für die Leopoldina keine Option, schon weil die Kapazitäten der Labore bereits an Grenzen gestoßen sind. Stattdessen sollten vor allem „schutzbedürftige Gruppen“ – also in Pflegeheimen und etwa auch zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs – verstärkt getestet werden. Was diese regulären Corona-Tests angeht, die von Laboren vorgenommen werden, solle zudem schnell dafür gesorgt werden, dass die Menschen durch entsprechende Digitalisierung des Informationsflusses schneller als bisher von den Ergebnissen erfahren.Ein Missstand, der in den vergangenen Wochen vermehrt aufgefallen war.

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