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Zöliakie & Co. : Was kann man heute noch essen?

Bei einer echten Zöliakie genügt es nicht, nur hin und wieder eine Karenz einzulegen. Wer erkrankt ist, muss streng Diät halten: glutenfrei. Neben Gluten können jedoch noch andere Substanzen aus den fraglichen Nahrungsmitteln den Verdauungstrakt irritieren, zum Beispiel Kohlenhydrate: fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole, kurz FODMAPs genannt. Diese werden vom Körper nur schlecht aufgenommen, so dass sich die Bakterien im Dickdarm darüber hermachen und Gase bilden, die Blähungen verursachen. Dass solche Kohlenhydrate jetzt für diverse Bauchbeschwerden nach Weizengenuss verantwortlich gemacht werden, hält Detlef Schuppan allerdings für übertrieben. Er führt das Institut für Translationale Immunologie am Universitätsklinikum Mainz und leitet Studien am Celiac Center der Harvard Medical School in Boston. Neben der Zöliakie widmet Schuppan seine Aufmerksamkeit vor allem einem Syndrom, das bisher unter dem sperrigen Begriff „Nichtzöliakie-Nichtallergie-Weizensensitivität“ behandelt wird: „Etwa fünfzig Prozent der Patienten, die meine Dünndarmsprechstunde aufsuchen, leiden darunter.“

Für sie gibt es bislang keinerlei Labortests, mit denen sich eine Diagnose eindeutig stellen lässt. Anders als bei der Zöliakie oder der Allergie wurden keine typischen Antikörper entdeckt, man sucht noch nach spezifischen Biomarkern. Doch eines steht fest: Die Beschwerden stehen ebenfalls in Zusammenhang mit glutenhaltigen Speisen. Um das herauszufinden, müssen die Betroffenen penibel Tagebuch führen. Wer bereits freiwillig auf Getreideprodukte verzichtete und Besserung empfand, wird einem Belastungstest unterzogen. „Wir überprüfen alles, wenn der Verdacht auf eine solche Weizensensitivität besteht, und schließen zunächst andere Erkrankungen aus“, erklärt Schuppan.

Rätselhafte Sensitivität

Der Gastroenterologe erforscht das Phänomen seit längerem, und nicht nur die 2012 veröffentlichten Ergebnisse weisen auf einen ungeahnten Übeltäter hin: „Wir sind überzeugt, dass nicht Gluten die Ursache ist, sondern Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI).“ Dabei handelt es sich um recht stabile Proteine, mit denen sich das Getreide selbst vor Schädlingen schützen will. Und diese versetzen nun das menschliche Immunsystem in Aufruhr. Allerdings auf andere Weise als bei der Zöliakie oder der Allergie. Die Wirkung der ATI ist nicht absolut, sondern hängt offenbar von der Dosis ab. Patienten mit einer Weizensensitivität müssen sich vermutlich nicht in völliger Askese üben: Ein Stückchen Pizza, eine kleine Portion Nudeln, so etwas könnte hin und wieder erlaubt sein, meint Schuppan. Er hält es für möglich, dass fünf bis zehn Prozent der gesamten Bevölkerung von einer glutenfreien Ernährung profitieren könnten, denn bei einer solchen Diät werden automatisch auch keine ATI verzehrt. Insbesondere chronisch Kranke und Patienten mit Autoimmunerkrankungen könnten durch den Verzicht ihre Beschwerden lindern. Darauf deuten jedenfalls erste Studienergebnisse hin. Um diesen Einfluss der Ernährung genauer zu untersuchen, sind jetzt in Mainz, Boston und an weiteren Standorten klinische Untersuchungen geplant.

Dass Erkrankungen wie die Weizensensitivität zunehmen, lässt sich nicht allein damit erklären, dass die Bevölkerung sensibler geworden ist und die Ärzte genauer hinschauen. Auch nicht damit, dass sich unsere Lebensumstände samt Ernährungsweise grundlegend verändert hätten. Es könnte auch daran liegen, dass moderner Hochleistungsweizen sich anders zusammensetzt. Oder daran, dass er anders verarbeitet wird. In Kurzbackwaren fermentiert das Getreide nicht wie in althergebrachten Teigen, die lange gehen müssen. So wurden Amylase-Trypsin-Inhibitoren zumindest teilweise zersetzt, heute können sie ihre unangenehme Wirkung womöglich ungehindert entfalten.

Glutenfrei mag chic sein - und etwas teurer. Warum aber sollte man ohne Not auf sorglosen Genuss verzichten? Und sich freiwillig Geboten für Schwerkranke fügen?

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