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Yoga : Der Körper hält viel aus

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Yoga sei ein Segen für Körper, Seele und Geist. Sagen seine treuen Anhänger. Fachleute sehen das etwas anders.

          10 Min.

          Auch Ulla Meinecke ist jetzt dabei. Mit Ende fünfzig hat die Sängerin das Yoga für sich entdeckt. „Man möchte ja noch mit 75 selbst die Schnürsenkel binden können“, begründete sie den Entschluss in einer Grußbotschaft für das Berliner Yogafestival. Fünftausend Enthusiasten demonstrierten dort am vergangenen Wochenende im Kulturpark Kladow den Sonnengruß für Fortgeschrittene. Oder wie man es beispielsweise schafft, bei gestrecktem Bein mit der Hand gegen die Fußsohle zu klatschen. „Endstation Dehnsucht“ fand, nicht ganz unpassend, die Bild, die noch eins draufsetzte und mit „Yoga-Jordan“ Carver einen Busenstar lancierte, der (abgesehen von Körbchengröße J) die Beherrschung des Lotossitzes im Repertoire hat.

          Yoga ist mehrheitsfähig geworden. Geschätzte fünf Millionen Deutsche üben Kerze, Kopfstand oder den „Nach unten schauenden Hund“. Das sind drei von Dutzenden Übungen, die auf gut Sanskrit „Asanas“ heißen. Viel Segensreiches sollen sie bewirken: den Blutdruck senken und Stress abbauen, Beweglichkeit und Gleichgewicht fördern, Muskeln entspannen und aufbauen, die Wirbelsäule richten und Rückenschmerzen vertreiben, die Seele in Einklang mit dem Körper bringen und noch vieles mehr. Eine bestimmte Abfolge von Übungen, „Hormon-Yoga“ genannt, erhöhe die Chancen einer Schwangerschaft und führe später sanft durch die Wechseljahre, berichtete vor einigen Jahren die Frauenzeitschrift Brigitte; „danach sind wir überrannt worden“, erzählt die zuständige Kursleiterin der Frankfurter Volkshochschule.

          Viele Stile, viele Laute

          Auch sonst ist die Auswahl groß. Der angehende Yogaschüler kann unter anderem wählen zwischen Anusara-, Ashtanga-, Bikram-, Hatha-, Iyengar-, Jivamukti-, Kripalu-, Kundalini-, Sivananda-, Viniyoga- oder Vinyasa-Stil. Es gibt spezielle Kurse für behinderte Kinder, traumatisierte Soldaten, Golfspieler, Prostituierte. Mal geht es energisch, mal meditativ zur Sache, mal wird viel „Om“ gesummt und der Gong geschlagen, mal nicht. Und egal ob auf dem Kirchentag oder dem Kreuzfahrtschiff - eine Yoga-Stunde ist garantiert im Angebot.

          Ein Übungsraum im Keller eines Thermalbades im Vordertaunus: Staub rieselt von der Decke, die Anlage wird umgebaut, hin und wieder hört man Presslufthämmer. Trotzdem haben sich ein halbes Dutzend Unermüdlicher eingefunden, die Stunde ist bereits im Eintrittspreis enthalten. „Namaste!“, der Gruß mit zusammengelegten Händen, und dann stellen wir uns hin zur ersten Übung, ausatmen, einatmen, Arme heben, Rumpfbeuge mit durchgedrückten Knien nach vorn und Kopf hängen lassen. Schon scheidet sich die Spreu vom Weizen, wer mit den Händen den Boden berühren kann, zählt zu den Fortgeschrittenen. Und wer umgehend ein Ziehen in den Wadenmuskeln spürt, ist Anfänger. Erkenntnis nach zwanzig Sekunden: Blut steigt in den Kopf. Ist das gesund?

          Immer noch gilt, was die unvergessene Vorturnerin Kareen Zebroff vor nunmehr vierzig Jahren jeden Freitagnachmittag im ZDF zum Besten gab: Die „Uttanasana“, vulgo „Stehende Vorwärtsbeuge“, soll gut gegen Falten sein, einen rosigen Teint sowie geistige Wachsamkeit fördern. Der Yogalehrer B. K. S. Iyengar, vom Time Magazine unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt eingereiht, behauptet sogar, zwei Minuten Kopfhänger würden jede Depression vertreiben. Aus allgemeinmedizinischer Sicht freilich würde man Menschen mit Bluthochdruck oder erhöhtem Augeninnendruck sowie Migränepatienten davon abraten, den Kopf derart nachdrücklich baumeln zu lassen. Bei Erkältungen ist die Übung gar nicht zu empfehlen. Auch nicht bei akuten Schwierigkeiten im Bereich der Lendenwirbel; ein Hexenschuss wäre programmiert. Wer zu viel Ehrgeiz entwickelt, kann sich in dieser Pose schnell mal eine Muskelfaserzerrung zuziehen, an der er dann wochenlang laboriert.

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