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Ameisen-Rettungsdienst : Wozu Beine, wenn es Empathie gibt?

  • -Aktualisiert am

Ameisen sind perfekt sozial organisiert. Bild: dpa

Ein Rettungsdienst für die tapferen Krieger: Wie Ameisenvölker sich um ihre Invaliden kümmern und der Sozialdienst zur Ultima Ratio wird.

          Ameisen sind soziale Extremisten. Die Arbeiterinnen eines Ameisennests versorgen nicht nur gemeinschaftlich den Nachwuchs, bauen und verteidigen gemeinsam ihre Unterkunft. Sie schaffen auch Verpflegung für alle Bewohner herbei. Oft unter Gefahr für Leib und Leben, vor allem wenn es wehrhafte Beute zu überwältigen gilt. Bei bestimmten Ameisen können sich Verletzte und anderweitig Gehandikapte allerdings auf eine Art Rettungsdienst verlassen. Das haben Wissenschaftler um Erik Thomas Frank und Thomas Schmitt aus dem Team von Karl Eduard Linsenmair an der Universität Würzburg bei Forschungsaufenthalten im Norden der Elfenbeinküste beobachtet. In einer Feuchtsavanne des Comoé- Nationalparks studierten sie die Ameisenart Megaponera analis, die es auf Termiten abgesehen hat. Zunächst schwärmen einige Arbeiterinnen des Ameisenvolks als Kundschafter aus. Sie suchen nach Tunneln, die von Termiten aus Erde gebaut und als Straßen benutzt werden. Wenn sie einen stark frequentierten Tunnel entdeckt haben, rekrutieren sie daheim zwei- bis fünfhundert Arbeiterinnen. Als kompakte Kolonne marschieren diese großen und kleinen Ameisen zielstrebig los. An dem vielversprechenden Termitengang angekommen, beißen die größten und kräftigsten Arbeiterinnen Löcher hinein. Durch diese Öffnungen schlüpfen dann kleinere Ameisen, stürzen sich auf Termiten, die nicht schnell genug Reißaus nehmen, überwältigen sie und zerren die tote Beute ans Tageslicht.

          Eine Matabele-Ameise, die eine verletzte Artgenossin nach einem Raubzug zurück ins Nest trägt.

          Termiten zählen ebenfalls zu den sozialen Insekten. Sie leben vegetarisch, sind lichtscheu und zarthäutig, aber nicht wehrlos. In ihren Nestern gibt es stets Tiere, die sich für die Verteidigung bereithalten. Bei den Termiten, auf die es die Ameisen der Würzburger Wissenschaftler hauptsächlich abgesehen hatten, sind die Soldaten zwar ziemlich klein. Dennoch bestehen sie zum größten Teil aus einem voluminösen Kopf voller Muskeln für energisch zupackende Beißwerkzeuge. Für die angreifenden Ameisen ist eine solche Attacke nur selten tödlich. Das eine oder andere Bein können die Termitensoldaten aber durchaus abzwicken. Außerdem können sie sich so hartnäckig festbeißen, dass die Ameise sie als Klotz am Bein mitschleppen muss und folglich kaum noch laufen kann.

          Nur die Hälfte kommen zurück

          Wenn sich Termiten ans Bein festgeklammert haben, kommt die Ameise nur auf etwa fünf Prozent ihrer normalen Geschwindigkeit („Science Advances“, doi: 10.1126/sciadv.1602187). Kein Wunder also, dass bloß die Hälfte der so gehandikapten Ameisen wieder im Nest ankommen, wenn sie den Rückweg aus eigener Kraft bewältigen müssen. Die anderen werden selbst zur Beute – meist von flinken Spinnen – oder sterben vor Erschöpfung. Für Ameisen, die im Kampf mit den Termiten Beine verloren haben, ist der Rückweg nicht ganz so gefährlich. Etwa drei Viertel schaffen es, auf den intakt gebliebenen Beinen nach Hause zu laufen.

          Schutz vor Spinnen

          Die größten Arbeiterinnen tragen die invaliden Nestgenossinnen zurück. Mitunter werden sogar anscheinend unversehrte Ameisen, mutmaßlich erschöpfte Nachzügler, aufgegriffen und mitgeschleppt. Da sich der Überfall auf die Termiten in einem eng begrenzten Areal abspielt, haben die bereitwilligen Träger wenig Mühe, Hilfsbedürftige aufzulesen, ehe die gesamte Kolonne wieder heimwärts zieht. In so einem Tross mitzulaufen ist offenbar der beste Schutz vor hungrigen Spinnen. Wer das nicht aus eigener Kraft schafft, kann mit speziellen Botenstoffen nach Rettung rufen.

          Wieder daheim im Nest, erholen sich die geretteten Ameisen verblüffend rasch. Die von hinderlichen Termiten befreiten Tiere sind größtenteils unversehrt. Ameisen, die von ihren sechs Beinen ein oder zwei eingebüßt haben, laufen zwar zunächst ziemlich ungelenk. Doch die neuronale Koordination der Beine hat sich bald angepasst an die geringere Zahl. Dann sind die Invaliden mit ihren vier oder fünf Beinen ähnlich flott unterwegs wie andere Ameisen mit sechs. Bei Überfällen auf Termiten können sie sich nun wieder nützlich machen. In den Kolonnen, die zu Raubzügen ausrücken, marschieren im Schnitt etwa zwanzig Prozent der Ameisen mit nicht mehr vollzähligen Beinen. Für die Völker von Megaponera analis sind Rettungsaktionen für verletzte Arbeiterinnen überlebenswichtig: Mit nur ein- bis zweitausend Bewohnern sind die Nester eher klein, und mit etwa dreizehn Sprösslingen pro Tag gibt es nur wenig Nachwuchs.

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