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Wohlstand und Gesundheit : Wenn das Erbe ins Geld geht

  • -Aktualisiert am

Spielplatz der Stars von morgen: Was haben Erbe und Kindheit mit späterem Erfolg zu tun? Bild: Kien Hoang Le

Die gesellschaftswissenschaftliche Erforschung sozialer Ungleichheiten entdeckt die Biologie. Bekommen Menschen den Wohlstand also vererbt? Zeit, dieser These auf den Grund zu gehen.

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          In modernen demokratischen Gesellschaften gewinne das Erbe wieder eine bedeutsame Rolle für die Verteilung von Wohlstand und Gesundheit. Manche Kinder erbten die Vorteile ihrer Eltern: Sie starteten körperlich und geistig gesünder ins Leben, haben höhere kognitive und soziale Kompetenzen als benachteiligte Kinder. Es bedürfe stärkerer politischer Maßnahmen, um die zunehmende Konzentration von Wohlstand einzudämmen.

          Diese These stammt von der Soziologin Jianghong Li, die am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zu Fragen der sozialen Determination der Gesundheit von Kindern forscht. Bemerkenswert ist hier zweierlei: Erstens, dass Li behauptet, das Erbe gewinne „wieder“ eine bedeutsame Rolle bei der Wohlstandsverteilung. War es einmal nicht so? Und zweitens die doppelte Bedeutung des Erbens: als intergenerationelle Verteilung von Wohlstand als auch Gesundheit. Aber seit wann sind Soziologen für die Vererbung von körperlichen Eigenschaften zuständig?

          Am Berliner Wissenschaftszentrum hat man jetzt eine ganze Ausgabe der WZB-Mitteilungen der Frage intergenerationeller Übertragungen gewidmet. Die Beiträge von Li und ihrem Kollegen Jan Paul Heisig fallen dabei besonders auf, weil sie sich explizit mit dem Verhältnis von Soziologie und Biologie beschäftigen. Dass Wohlstand sozial vererbt wird, also in Form von Besitz und sozialen Chancen, ist soziologisch unproblematisch. Die genauen Umstände, wie das geschieht, zählen schon immer zu den zentralen Aufgaben der empirischen Sozialforschung.

          Dass andererseits die biologische Ausstattung eines Menschen dessen soziale Chancen massiv mitbestimmt, wird dagegen von der Soziologie kaum thematisiert. Oder wie Heisig es formuliert: In der sozialwissenschaftlichen Forschung hätten „die Gene“ bislang eine überraschend geringe Rolle gespielt. Aus „historischen Gründen“, raunt Heisig, habe es da eine „gewisse Zurückhaltung“ gegeben. Die will man am WZB jetzt anscheinend aufgeben.

          Erhöht gutes Erbgut die Chancen auf Erfolg?

          Warum? Weil die Soziogenomik und das Feld der Gen-Umwelt-Interaktionen ein „wachsendes und faszinierendes Feld“ seien, so Heisig. Entsprechend zählt auch Li eine ganze Reihe durchaus faszinierender Studien auf, die etwa die Vererbung von Gesundheit als Humankapital nachgewiesen haben, genauso wie die von Intelligenz, Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensmustern. Aber reicht das, um die historisch genannte Zurückhaltung hinter sich zu lassen?

          Wenn man sozusagen das Erbe der Sozialwissenschaften für diese Zusammenarbeit nicht verschleudere, ja. Dann könne es zu einer erfolgversprechenden Zusammenarbeit von Soziologie und Biologie kommen, also wenn man darauf bestehe, Vererbung nicht deterministisch zu verstehen, meint Heisig. Auch nicht ihre biologischen Komponenten. Es gehe vielmehr um eine „probabilistische Beziehung“, also um Wahrscheinlichkeiten. Es gebe Risikofaktoren, die vererbt würden.

          Manche Kinder bekämen Chancen und Möglichkeiten vererbt. Andere, müsste man wohl ergänzen, haben diese eben nicht. Aber wir verstünden auch immer mehr, gerade im Austausch mit der Biologie, „dass die Rolle der Gene eben auch nicht ein für alle Mal gesetzt ist“. Ob sich die geerbten genetischen Anlagen überhaupt entwickeln, hänge auch von Umweltfaktoren ab, schreibt Heisig. Oder wie es Li sieht: Intelligenz sei formbar. Mathematische Fähigkeiten seien formbar. Natur sei also kein Schicksal.

          Die Schlüssel zur sozialen Gerechtigkeit

          Programmatisch klingen solche Formeln immer sehr mitreißend. Wenn es konkret wird, geht es dann doch eher um kleine Schritte. Da scheint dann jede Disziplin ihren Teil der Erklärungsleistung von sozialen Chancen ganz traditionell allein zu bestreiten. So zitiert Li eine Studie, wonach „die Gene etwa die Hälfte der Verbindung zwischen dem sozioökonomischen Status der Herkunftsfamilien und dem akademischen Erfolg der Kinder erklären“. Etwa die Hälfte – das klingt fast wie eine probabilistische Kompromissformel.

          Und wenn Li als sozialpolitisches Gegenmittel zur genetischen Ausstattung die frühkindliche Förderung der mathematischen Fähigkeiten empfiehlt, ist das auch nicht unstrittiger als ihre Forderung, soziale Gleichheit durch die Erhöhung der Erbschaftssteuer zu fördern. Warum man als Sozialwissenschaftler eine Zusammenarbeit mit Humangenetikern braucht, um auf solch revolutionäre Ideen zu kommen, bleibt auch nach den Vorstößen der WZB-Forscher rätselhaft.

          Ob man sich ihnen anschließen möchte, sei dahingestellt. Heisig behauptet forsch, man wolle jetzt den Zusammenhang von sozialem Status und Gesundheit weniger beschreiben, sondern entschlüsseln. So zitiert er etwa eine dänische Studie, wonach die Nähe zu Grünflächen in der Kindheit das Risiko psychischer Erkrankungen im Erwachsenenalter mindere, und verkündet, dass man das jetzt am WZB auch für den „deutschen Kontext“ erforschen wolle. Ja musste der Junge besser doch nicht an die frische (deutsche) Luft? Sondern nur das dänische Kind? Herr Dr. Heisig, entschlüsseln Sie!

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          Zur Lektüre

          J. Li: Wohlstand und Intelligenz für alle. Lebenschancen müssen nicht vom Elternhaus abhängen, in: WZB-Mitteilungen, Heft 165, September 2019. J. P. Heisig: Geld und Gene. Bei der Frage, wie Gesundheit vererbt wird, begegnen sich Soziologie und Biologie, in: WZB-Mitteilungen, Heft 165, September 2019.

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