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Pflanzenzüchtung gefährdet : Der Aufschrei der europäischen Gen-Gelehrten

Erleichterte Züchtung: Das Weizen-Genom ist vollständig entschlüsselt. Bild: dpa

Wird Europa in der Landwirtschaft total abgehängt? 75 akademische Institute quer über den Kontinent, führende Forscher der Pflanzenzüchtung, schlagen nach dem jüngsten Gen-Urteil gemeinsam Alarm.

          „Es ist unverantwortlich!“ So unverblümt, so dröhnend empören sich Akademiker selten, wenn es gegen den Gesetzgeber geht. Erst recht nicht, wenn sie selbst wegen der überall in Europa garantierten Forschungsfreiheit weitgehend unbehelligt von den Regularien bleiben. Doch nach dem Urteil des europäischen Gerichtshofs vom Sommer zum Genom-Editing, der als revolutionär gefeierten minimalinvasiven Pflanzenzüchtung mit molekularen Genscheren wie Crispr-Cas, ist den Akademikern nun der Kragen geplatzt. In einem Papier, das 75 europäische Agrarforschungsinstitute von Zypern bis Finnland unterzeichnet haben, wird der Gesetzgeber in Brüssel  aufgefordert, die europäische Gesetzgebung  schnellstmöglich zu revidieren. Urheber sind britische Institute, das John Innes Centre sowie das „Sainsbury Laboratory“ in Norwich.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Die Gen-Richtlinien der EU entsprechen in keiner Weise mehr dem wissenschaftlichen Kenntnisstand“, heißt es in dem Positionspapier. Geschieht nichts, werde „Europas innovative Landwirtschaftsforschung angesichts der gesetzlichen Hürden zum Erliegen kommen“. Start-ups würden nach Übersee abwandern, junge Forscher ihre Arbeitsplätze und Zukunft verlieren, Europa komplett den Anschluss verpassen in einer Zeit, in der unter anderem wegen des Klimawandels und des Bevölkerungswachstums neue Nutzpflanzensorten immer schneller entwickelt werden müssten.

          Im Juli hatte der europäische Gerichtshof entschieden, dass die Genscheren, die in der Sprache der Züchter eine nie dagewesene, fast schon schonende „Präzisionszüchtung“ im Labor ermöglichen und im Gegensatz zur herkömmlichen Gentechnik kein Einschleusen von Fremdgenen nötig macht, genauso wie die mit herkömmlicher Gentechnik erzeugten Sorten unter die alte europäische Genrichtlinie fällt. Das heißt: Ein aufwändiges, zeitraubendes und teures Zulassungsverfahren ist nötig, das kleine und mittelständische Unternehmen kaum bezahlen können. 

          „Die aktuelle Gesetzgebung macht die Präzisionszüchtung ultrateuer und macht es zu einem Privileg, das sich nur einige wenige multinationale Konzerne leisten können.“ Den kleinen Züchtungsunternehmen bleibt nur die klassische, eigentlich schon veraltete Mutationszüchtung, bei der man neue Eigenschaften mehr oder weniger zufällig erzeugt, indem die Pflanzen toxischen Chemikalien und radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden. Diese klassische Methode nimmt Zigtausend zusätzlicher, ungewollter (und fast immer unerkannter) Genmutationen im Pflanzengenom in Kauf. Weil sie aber seit Jahrzehnten schon angewandt wird und demnach als „sicher“ eingestuft wurde, hat man sie von der europäischen Gen-Gesetzgebung ausgenommen.

          „Mindestens so sicher wie klassische Züchtung“

          Die gleiche, vereinfachte Regelung hatten sich die Pflanzenforscher für das Genom-Editing erhofft, denn vom Prinzip her ist es genetisch gesehen noch viel sicherer, weil die gewünschten Mutationen gezielt, geplant und an nur jeweils ganz wenigen Stellen im Genom - chirurgisch gewissermaßen - eingeführt werden. Die Präzisionszüchtung sei sei „mindestens  genauso sicher wie die konventionelle Mutagene“, heißt es in dem vierzehnseitigen Dokument der Institute, es sei auch noch sehr viel effizienter. Obwohl der Generalanwalt des Gerichtshofs in Straßburg das auch so sah, hat der Europäische Gerichtshof anders entschieden und den Prozess - ein neues Gentechnik-Verfahren, das nicht ausreichend empirische Daten geliefert hat - unter die restriktiven Zulassungsvorbehalte der Gentechnik-Richtlinie gestellt. Nur die Änderung der Richtlinie selbst durch den europäischen Gesetzgeber, sprich die EU-Länder und das Europaparlament,  kann das ändern. Genkritiker kritisieren das allerdings vehement als „Gentechnik durch die Hintertür“.

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