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Wie entsteht Originalität im Gehirn? : Kreativität ist die neue Intelligenz

Weckt Dopamin das stille Talent? Ausschnitt aus dem Gemälde einer Parkinson-Patientin, die vor der Dopamin-Therapie nie einen Pinsel angefasst hatte. Bild: Foto American Friends of University of Tel Aviv

Die Hirnforschung hat eine neue Spielwiese: Was ist das Geheimnis origineller Gedanken und Ideen? Wie ticken Kreative? Die Studien dazu sind, nun ja, originell.

          Hilfe, wir stecken in der Kreativitätskrise. Als die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“ vor zweieinhalb Jahren diesen Aufschrei zusammen mit den Ergebnissen eines Torrance-Kreativitätstests an 300 000 Kindern und Jugendlichen publizierte, klang das wie die Ansage für ein Ende des amerikanischen Traums. Zum ersten Mal habe der Nachwuchs des Landes in dem Anderthalbstunden-Test weniger Punkte erzielt. Bis in die neunziger Jahre war der CQ - der Kreativitätswert als Analogon zum Intelligenzquotienten IQ - stetig gestiegen. Nun also der Knick, der Pisa-Schock für die Innovationsweltmeister. Eine Adhoc-These war schnell gefunden: Die Jugendlichen hängen immer länger tatenlos und denkfaul vor den neuen Medien.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Empirisch fundiert war dieser Erklärungsversuch damals nicht. Die Indizien wurden jetzt nachgeliefert. David Strayer von der University of Utah in Salt Lake City und seine Kollegen haben in der Zeitschrift „PlosOne“ eine Studie mit dreißig jungen medienaffinen Männern und 26 ebensolchen Frauen veröffentlicht. Etwa die Hälfte von ihnen wurde zu einer Vier-Tage-Rucksacktour in die Berge geschickt, die anderen ließ man weiter am Computer sitzen. Vor und nach der Tour wurden Kreativitästests absolviert. Das Ergebnis: „Der Ausflug in die Natur inspiriert, die Auszeit am Computer steigert die Kreativität um durchschnittlich 50 Prozent.“ So war es in der Mitteilung zum Aufsatz zu lesen.

          Einsteins Gehirn, die Denkfabrik eines kreativen Genies: „Rückansicht“ mit dem Hinterhauptlappen und Teilen des Scheitellappens.

          Liest man die Studie genauer, wird schnell klar: Hier wird eine Alltagserfahrung in statistisch fragwürdige und wissenschaftlich kaum haltbare Zusammenhänge gestellt. Die Studie sagt weniger etwas über die Ursachen von Kreativität aus als vielmehr über die Konzeptlosigkeit einer Forschungsrichtung, die sich gerade als das neue Lieblingsspielzeug der Hirnforschung etabliert. Kreativität ist drauf und dran, zur neuen Intelligenz zu werden. In der Forschung wie im Alltag.

          In der Pädagogik und Sozialpsychologie wird wie in der Wirtschaft längst üblich nach Kreativitätspotentialen gefahndet. Die Psychiatrie forscht daran, und nun versuchen sich insbesondere auch die Neurowissenschaften mit den unterschiedlichsten bildgebenden und analytischen Instrumenten zu den Quellen kreativen Denkens vorzuarbeiten.

          Wie es zum „schöpferischen Denken“ kommt, darüber konnte Sir Francis Galton Ende des neunzehnten Jahrhunderts nur spekulieren und schwärmen. Konzepte zu dessen Erforschung gab es nicht. Der amerikanische Psychologe Joy Guilford immerhin löste 1950 mit einem wegweisenden Vortrag über „divergentes Denken“ eine Forschungswelle aus. Im Unterschied zur Intelligenz, die für ihn vor allem eingleisig schlussfolgerndes Denken zur Lösung erfordert, bedarf es seinen Vorstellungen zufolge für Kreativität einem mehrgleisigen Denkens. Damit war im Prinzip eine bis heute gültige Definition von Kreativität geschaffen. Mehrere, vor allem originelle und neuartige Lösungen für ein Problem zu finden, lautet die Aufgabe. Divergentes Denken ist allerdings nur eines von mehreren Konzepten. Die Zahl der Kreativitätstests ist mit den Konzepten gewachsen. Doch je mehr Disziplinen das Thema für sich entdecken, desto schwerer wird es naturgemäß, die unterschiedlichen Experimente, Tests und Schlussfolgerungen zu vergleichen.

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